Der Garten wimmelt von Menschen.

»Leute!« ...

Sie heben die Köpfe; noch zweimal wiederholt er den Ruf.

Seine Stimme übertönt die Menge und hallt weit über die Fläche.

Sie stoßen sich an; murrend faßt die Hand fester den Stein.

»... Seid ihr Menschen oder seid ihr wilde Tiere? Seid ihr Vater und Mutter, habt ihr Weib und Kind, oder seid ihr tolle Hunde? Habt ihr all eure Vernunft vergessen, daß ihr nicht des Morgens denkt? Wollt ihr ein Leben lang im Kerker sitzen? Seid ihr Mörder oder Arbeiter? ...«

Mit donnerndem Prall fährt seine Stimme über die Menge.

»... Ihr seid betrogen und belogen. Wen sucht ihr? Lecart ist nicht hier! Ein großes Unglück ist geschehen; doch wir sind alle Menschen, und jeder Augenblick kann uns den Tod bringen. Wenn jemand die Schuld trägt an eurem Unglück, es soll gesühnt werden. Lecart wird seiner Strafe nicht entgehen. Das sage ich euch, Klaus Tiedemann, der so arm war wie ihr, der sich aus eigener Kraft herausgerungen hat, ohne deswegen glücklicher zu werden. Jede Witwe und jede Waise, jeder, der Einbuße an seiner Gesundheit litt, soll reichlich entschädigt werden. Dafür habt ihr mein Wort! Wir wollen gemeinsam trauern und die Toten begraben. Was kann der Mensch anderes tun? Was wollt ihr sonst? Wollt ihr das Weib, das weinend drin auf dem Boden liegt und die Gemeinschaft mit ihrem Manne verflucht? Wollt ihr meinen Sohn morden, der mit euch die Toten bergen half, der denkt wie ihr, der mit demselben glühenden Haß gegen mich ausgerüstet ist wie ihr? Mich?« Klaus Tiedemanns Stimme wird leise. »Mich? Wenn ihr wollt, so tut es, mir ist nicht leid um mein Leben; ich hab' Schweres erlitten und meine Kinder nicht glücklich gemacht.« Wieder hebt er den Kopf; er sieht Hunderte von Augen auf sich gerichtet, sie geben ihm alte Kraft. »Aber eines müßt ihr bedenken! Ich zahle das Geld, das euere Witwen und Waisen erhalten soll, Lecart tut es nicht, kann es nicht! Wollt ihr die Eueren bestehlen? Was bleibt euch? In wenigen Stunden werden die Gendarmen hier sein; schon sind sie unterwegs. Sie werden schrecklich Gericht halten, und ihr werdet noch mehr zu beweinen haben als jetzt. Kehrt ihr in Ruhe zurück, so soll keinem ein Haar gekrümmt werden, ich selbst will Fürbitte einlegen. Der Lohn soll erhöht werden. Ihr könnt euere Bitten vorbringen, von heut ab bin ich euer Herr! Nicht vergessen will ich, daß ihr Menschen seid! Seht nach eueren Toten! Ich komme zu euch. Ich werd' euch helfen, die schwere Last zu tragen.« Klaus Tiedemann beugt das schneeige Haupt hinab; sein Blick überfliegt die Reihen, die in tiefer Stille stehen; polternd fallen ein paar Steine zu Boden. »Und glaubt mir, nicht Geld macht glücklich; ich war es mehr, als ich arm war und als ich lebte wie ihr. Laßt Haß und Neid beiseite, da drüben liegen die Toten! Wer weiß, wie die jetzt reden würden ...«

Er schweigt.

Von unter klingt gedämpftes Flüstern und Scharren vieler Füße.