Tiefe Stille war um die beiden.
Mit fliegendem Atem begann sie wieder:
»Du kannst dich, Papa, in meine Lage nicht hineindenken; du weißt nicht, was es mich für eine Ueberwindung kostete, ihn nicht schon früher zu verlassen. Doch ich war feig und dachte eng. Hier draußen ist es mir klar geworden, wie nichtig und lächerlich eigentlich alles an ihm war, vom Anfang an. Erst flößte mir seine hochtrabende Art, mit der er jedermann behandelte, Achtung ein, dann nahm ich sie selbst an: warum weiß ich nicht. Es mag wohl unser Blut gewesen sein. Doch bald kam die Ernüchterung. Aber nicht einmal mir selbst gestand ich sie zu. Warum sollten zwei Menschen nicht auch gleichgültig nebeneinander leben können!«
Klaus Tiedemann nickte.
»Wir ritten gemeinsam spazieren, wir gingen zusammen in Gesellschaften und aßen vom selben Tisch.« Sie lachte gepreßt. »Wie viele machen es nicht so, ihr ganzes Leben lang! Auch du und Mama lebtet ähnlich. Das hielt ich mir stets vor Augen — warum sollte es bei mir nicht auch so gehen? Manchmal wollte ich ihn verlassen, nach irgendeiner Szene, von denen es so viele gab — doch ich schreckte zurück, aus Angst vor der Meinung der anderen; es war mir ja so von klein auf eingeimpft worden.« Sie hob die Hand und betrachtete die Ringe, die feine Rillen in die Haut zogen: »Erst im Gespräch mit Hilde, erst in den letzten Tagen habe ich anders denken gelernt. Vater,« sie neigte sich vor, in ihren Augen war wieder das nervöse Zucken, »steh nicht wider Hilde auf, sie liebt aus vollem Herzen, zertritt das bißchen Glück nicht, das unsere Familie noch hat ...«
Er gab keine Antwort, er saß mit hängenden Armen.
Noch immer haftete Vorurteil an ihm. Ein langes Leben waren seine Gedanken anderen Weg gegangen. Zu weit lag die Jugend zurück:
»Wir wollen nicht von Hilde, wir wollen von dir reden«, sagte er ausweichend.
»Nun gut.« Sie sah mit forschenden Blicken auf ihn. »Wie denkst du dir meine Zukunft?«
Er seufzte: