Lebenswende

erschien im Jahre 1908 unter dem Titel »Klaus Tiedemann, der Kaufmann«; vorliegende Ausgabe ist vom Autor neu durchgesehen und in mancher Hinsicht verändert worden.


»Willst du noch ein Butterbrot?« fragte zum zweitenmal Hilde Tiedemann ihren jüngeren Bruder Leo und sah über den Frühstückstisch.

Als wieder keine Antwort kam, stellte sie klirrend die Tasse nieder, die sie in der Hand gehalten hatte, und trat zu dem Knaben, der mit starren Augen vor sich niedersah. »Leo!« Sie rüttelte die schwächliche Gestalt, daß die beinahe vornüber fiel, und strich ihm das seidenweiche Haar aus der Stirn. »Was ist mit dir?«

Langsam richtete sich der kränkliche Achtzehnjährige auf; er kniff mißmutig die Brauen zusammen: »Ich mag nichts, hab' ich gesagt!« Es klang verhaltener Aerger aus der lügenden Stimme.

»Du hast nichts gesagt,« antwortete sie und sah zu der Uhr, die über dem Kamin in bedächtigem Gang ihr Pendel schwang. »Du solltest schon lange in der Schule sein!«

Leo zog ärgerlich die Schultern: »Laß das meine Sorge sein und kümmer' dich um andere!« Seine Augen gewannen an Glanz, weil er eine Waffe gegen seine Schwester gefunden zu haben meinte: »Zum Beispiel um deinen Hansen, der ist gewiß jetzt noch im Bett.« Er lachte, und die Schadenfreude saß um seinen blassen Mund.

Hilde war rot geworden und gab keine Antwort, nur mit dem Löffel stocherte sie in der Tasse, trotzdem der Zucker schon lange vergangen war. Dann stand sie jäh auf, mit plötzlichem Entschluß. »Stichle, solange du willst, es ist mir gleich,« sagte sie, hochatmend holte sie Luft, »aber das eine muß ich dir sagen, wenn du so weiter machst, Leo, dann nimmt es ein schlechtes Ende mit dir!«