Die magere, peinlich gekleidete, lange Gestalt des Prokuristen, mit weißem Kopf und rosigen Wangen, schob sich in die Türöffnung; sie sagte bescheiden:

»Guten Morgen, Fräulein Hilde, ich wollte nicht stören. Ist Herr Fred schon da?«

Belustigt reichte ihm Hilde die Hand. »Wie formell Sie geworden sind! Sie wollten nicht ‚stören’? Wen denn?«

Er hüstelte und sah hinter den weißen Wimpern scharf auf sie. »Der junge Herr hat dem Personal verboten, in die Privatwohnung zu kommen.«

»Das gilt aber doch nicht für Sie

»Mein liebes Fräulein, die Zeiten ändern sich. Es ist besser, man gewöhnt sich daran.« Er bemerkte Leo und nickte ihm freundlich zu. »Guten Morgen, Herr Leo!« Der gab keine Antwort, so daß dem alten Mann das Blut ins Gesicht stieg.

»Brauchen Sie meinen Bruder notwendig, Herr Görnemann?« fragte Hilde und nestelte mit nervösen Fingern an ihrer Bluse.

»Ja — es sind Briefe zu unterschreiben und Wechsel für Frau von Lecart zu unterfertigen.« Seine Stimme war unsicher.

»Für Clo?«

»Ja, Ihre Frau Schwester hat schon zweimal hergeschickt, ich kann die Wechsel aber nicht allein hinausgeben, weil die Summe zu hoch ist.« Er machte eine rasche Wendung, als brenne plötzlich der Boden unter seinen Füßen: »Ich werde eben noch warten und dann wieder heraufsehen,« sagte er hastig. »Guten Morgen, Fräulein Hilde!«