»Das kann Ihnen doch ganz gleich sein.«

»Ja und nein; auf die Dauer wird es einem ekelhaft. Es gehört eine verflucht gute Laune dazu, stets als das ausgestoßene Schaf herumzulaufen.«

»Das muß Ihnen gleichgültig sein.« Sie sah ihn mit forschenden Augen an. »Sie sagten doch immer: ‚nie hat die Menge recht’.«

Sein Blick wurde wärmer. »Ja, Fräulein Hilde, und doch tut es mir von mancher Seite weh, so behandelt zu werden; ich bin für viele nur der Lump. Ich gelte bei so manchen nur als Spötter, als minderwertiger Charakter, weil ich mein Vergnügen daran finde, den Leuten ihre schlechte Seite vorzuhalten, und doch hat alles andere weniger Wert.« Er senkte den Kopf im Weitersprechen. »Was heißt charakterisieren? Die Züge des Betreffenden sammeln und dieselben wieder vereinigen, zu einem Gesamtbild. Wenn man das tut, so ist's Karikatur, und als solche minderwertig; wenn man's nicht tut, wird es ein Bild ohne Fleisch und Blut, denn nur durch karikaturenhafte Züge unterscheiden sich gegenseitig die Menschen; so seh' ich es eben und bleib' drinnen stecken.« Er lächelte bitter. »Mit der Zeit werden Sie schon auch noch anders von mir denken, und Sie haben recht, wenn Sie's tun.«

»Warum ich?«

»Weil ich nichts leiste, weil ich heute noch immer derselbe bin, als der ich vor fünf Jahren in Ihr Haus kam: der Vielversprechende, der nichts hält.«

»So dürfen Sie nicht sprechen, Hansen, nicht in meiner Gegenwart.« Er sah auf und erschrak. In Hildes Augen standen Tränen. Gewaltsam drängte sie diese zurück.

»Verzeihen Sie nur!«, sagte er und streckte ihr die Hand hin, in die sie ihre eiskalten Finger legte. »Ich habe mich gehen lassen, weil ich mich vorhin über Leo ärgerte.«

»Was war's?«

»Nichts! Eigentlich nicht der Rede wert: er war heute anders mit mir als sonst. Geschraubt und hochmütig, als wäre es eine Auszeichnung, wenn er überhaupt mit mir spricht.«