»Danke, Pa!« Leo schaute triumphierend zu seiner Schwester hinüber. »Dann lege ich mich aber noch ein wenig hin, denn ich bin recht müde; jetzt kann ich's ja sagen!«

»Tue das!«

»Servus! Kommst du ein bißchen zu mir hinauf, damit wir plaudern können?«

»Gewiß, mein Kind!«

Es lag väterlicher Stolz und Liebe in dem Ton der Worte und dem Blick, den Klaus Tiedemann der hoch aufgeschossenen Gestalt seines Sohnes nachsandte, bis sie verschwunden war. Dann meinte er zu Hilde mit einer entschuldigenden Färbung in der Stimme: »Die Schulmeister täten mir den Buben ganz ruinieren, wenn ich nicht hier und da einen Riegel vorschieben würde.«

»Ja,« antwortete sie; und ihr kamen die Worte nur schwer aus der Kehle, weil sie an den ewigen Irrtum und die allzu große Nachsicht ihres Vaters denken mußte, »aber Leo sollte sich auch selbst mehr schonen!«

»Das tut er so Hilde; sieh darauf, daß er immer Wein trinkt!«

Er faltete die Zeitung auseinander; aus alter Gewohnheit begann er zuerst mit dem rückwärtigen, volkswirtschaftlichen Teil. Dadurch schien er an das Geschäft und mit diesem an Fred erinnert zu werden. »Ist Fred schon dagewesen?« fragte er.

»Nein, Papa!« Hilde wartete vergeblich auf Antwort. Nur die Zeitung knisterte.

Sie schüttelte den Kopf: daß er Fred so blind vertraute! Er hatte doch eigentlich keinen Grund dazu! Der Aelteste hatte nie viel Lust für das Werk seines Vaters empfunden und ging oft nur ins Kontor, weil ihn sein Vater dazu zwang. Als Fred vom Militär zurückgekommen war — am liebsten wäre er dabei geblieben —, hatte sein Vater darauf bestanden, daß er in die Firma eintrat. Es war ein harter Kampf gewesen, doch Klaus Tiedemann hatte gesiegt! Da es die Sicherung seines Lebenswerkes, seines Hauses galt, war er ein anderer als sonst: er gab nicht nach! Fred fügte sich seufzend in sein Schicksal, um das ihn Millionen Aufstrebender beneidet hätten. Doch von der Zeit an schien sein Vater jede Lust zum Geschäfte verloren zu haben; er sehnte sich plötzlich nach Ruhe: Wenn Fred schon Kaufmann sein mußte, so sollte er auch Chef sein. Als Fred Lust am Geschäft zu finden schien, trat sein Vater zurück. Er war schließlich 70 Jahre alt, da kam die Jugend ins Recht!