Hilde saß mit hängenden Armen und wartete, ob der Vater etwas benötigen sollte.

Es vergingen stille Minuten.

In der Ruhe, die sie umgab, schlichen ihre Gedanken wieder in die Ferne. Sie dachte: ihre Mutter — vor Jahresfrist war sie gestorben! — sie trugen noch die Trauergewänder für sie — war eine Frau gewesen, die sich nicht viel um die Kinder bekümmerte, die ihr halbes Leben auf der Chaiselongue verbrachte, mit Kopfweh und Nervenzuständen. Klaus Tiedemann mochte nicht der richtige Mann für sie gewesen sein, etwas zu selbstherrlich und zu gewaltsam, wenigstens die ersten Jahre der Ehe. Das schien mit der Zeit von ihm gefallen zu sein. Hilde erinnerte sich mancher garstiger Szene zwischen den Eltern in früheren Jahren. Mama sprach stets mit gewisser Rückhaltung von Papa, der eben aus anderen Kreisen stammte als sie, die Tochter des Konsuls. Das hörte ihr Vater nicht gern, denn er versuchte seine Vergangenheit zu vergessen, obgleich sie ihm aus eigener Kraft zu Ansehen und Reichtum verholfen hatte. Schon seiner Kinder wegen wollte er nicht daran erinnert werden; sie hatten ihn stets nur als einen reichen und — nach Klaus Tiedemanns Meinung — daher vornehmen Mann gekannt, und er war ängstlich bemüht, sie dabei zu lassen.

Der Kinder wegen war ihm nichts zu viel, an denen hing er mit rührender Liebe: weniger an den Töchtern, über die Frauen hatte er überhaupt seine eigene Meinung, die auch zu seiner Ehe geführt und seine ältere Tochter Clotilde, heute Clo Baronin Lecart, zu ihrer Wahl geleitet hatte. Aber seine Söhne waren ihm alles; diese eleganten jungen Leute, denen jeder Salon offen stand, konnten alles von ihm haben. Willig ordnete er sich ihnen unter. Hilde fuhr zusammen und sah auf: Vater hatte mit hastigem Ruck ein Blatt der Zeitung umgeschlagen. Ohne daß sie hinblickte, wußte sie, daß es die Kunst- und Theaternachrichten waren. Ihr Denken erhielt eine neue Richtung: Warum spielte Leo stets auf Hansen, seinen früheren Lehrer, an, wenn er sie kränken oder in Verlegenheit bringen wollte? Glaubte er, daß sie für den Karikaturenzeichner Sympathie empfände? Und wenn, was ging das ihn an? Sie bewegte trotzig den Kopf: was ging das ihn an? Vater merkte nichts, sonst hätte er gesprochen, der hatte andere Pläne mit ihr, das wußte Hilde! Klaus Tiedemanns Schwiegersöhne mußten Namen von Klang haben und in der Gesellschaft etwas gelten; das war beides bei J. A. Hansen nicht der Fall. Der hatte nur eine alte Mutter und seine freche Hand, die den Menschen an der schwächsten Seite zu packen wußte — an der Eitelkeit. Das vergab ihm niemand. Hilde seufzte: Es mußte wohl so im Leben sein, daß manchem sein Können schadete und ihm Feinde schuf! War nicht auch Gerhard unbeliebt, trotzdem er, wie Vater selbst zugab, dem Geschäft in einem kurzen Jahr unentbehrlich geworden war? Gerhard stammte aus ihres Vaters erster Ehe.

Es mußten unangenehme Erinnerungen sein, die Klaus Tiedemann an diese Zeit im Herzen trug, denn nie sprach er davon. Seine erste Frau war früh gestorben und Gerhard war in fremden Händen aufgewachsen. Erst nach dem Tode seiner zweiten Frau hatte sich der Vater an seinen Sohn aus erster Ehe erinnert. Des Konsuls Tochter hätte es nicht zugegeben, und Klaus Tiedemann hatte durch seiner Frau Widerstand einen ihm lieben Entschuldigungsgrund gefunden, sein Kind nicht wiederzusehen. So war Gerhard spät in seines Vaters fremdes Haus gekommen.

Draußen schellte die Glocke und tönten Stimmen, Säbelklirren und Sporenklang.

Hastig faltete Klaus Tiedemann die Zeitung zusammen. »Es ist Fred,« sagte er hochachtungsvoll. »Er bringt jemanden mit,« in sorgender Eile überflog sein Blick den gedeckten Tisch, »nimm die Eierschalen weg und gib die Zuckerzange her.« Er fuhr herum: die Tür ging auf, Freds Hand wurde sichtbar, die den Flügel hielt, um dem Gast den Vortritt zu lassen: ein Offizier; er schlug die Sporen zusammen, verneigte sich und sagte: »Die Herrschaften verzeihen meinen Ueberfall!«

Klaus Tiedemann hob devot die Hand. »Bitte, bitte recht sehr, doch einzutreten.«

»Freiherr von Olthoff« stellte sich der Gast vor und verneigte sich. Hilde sah einen tadellosen Scheitel, der sich nach hinten im spärlichen Haar verlor, das schwarz und fett auf dem Kopfe haftete; leises Unbehagen beschlich sie, als er ihre Hand zum Munde führte. Sein langer Blick überflog sie.

»Servus, Fred,« im Vorübergehen klopfte der alte Tiedemann seinem Sohne liebkosend auf den Arm, dann riß er die Portiere zur Seite: »Bitte hier in den Salon!«