Unter euch sind die, welche sich erbarmen. Ihre Liebe saugt alles Leid der Kreatur in das eigene Herz, löst jede Freudenkraft von sich los, um den Schmerzensbrand der Welt zu lindern; die Unvollkommenheit des Geschaffenen fühlen sie als eigene Sünde, alle Schuld als eigene Verantwortung. Sie stürmen zum Thron der Gerechtigkeit, um sich als Opfer darzubringen, sie ergreifen die Verheißung um sie in tätiger Liebesglut der Welt einzuschmieden. Sie sind die lebendigen Boten zwischen Welt und Überwelt, ihr Wort ist: erlöse uns.

Unter euch sind die, welche danken. Überwältigt sind sie von der Schönheitsgewalt des Seins. In ihnen sprießt das Gras, klingen die Brunnen, sausen die Gestirne. Im Strom der Schöpfung ist selige Sicherheit. Das Furchtbare ist göttlich, und das Entsetzliche ist heilig. Im Anblick des höchsten Gesetzes entsinkt die Überpracht des Geschaffenen vor dem Wort: ich frage nicht nach Himmel und Erde, ob mir Leib und Seele verschmachtet, wenn ich dich nur habe.

Unter euch sind die, welche sich versenken. Im unermeßlichen Schweigen, in der Dunkelglut des Abgrundes beginnen die Ströme zu rauschen, Bergmassen entweichen, das Eins stürzt ins All, das lichte All ins Eine. Die Welt ist nicht, nicht Himmel und Hölle, nicht Gut und Böse, nicht Glück und Leiden. Sein und Nichtsein umschlingt sich, ursprungloses Licht, wortlose Erfüllung.

Ihr wißt, daß von diesem Leben auch nicht das kleinste erzwungen werden kann. Drängender Wille, bohrender Verstand, Versprechung und Beschwörung sind vergebens. Wie wollte jemand mit eigenmächtiger Gewalt in den innersten Punkt seines Wesens dringen? Und wenn er alle seine Geistesmächte in Bewegung setzte, mit kluger Einsicht jede nötige Wandlung zu erbitten suchte, es wäre ein Spiel des Verstandes und darum eitel. Die Mächte wollen nichts von uns, nicht Weihrauch, Huldigung, nicht Bemühung; doch sind sie allezeit gewärtig, ihr Strom umrauscht uns unerfaßt, wenn wir uns verschließen, er durchdringt uns, wenn wir uns ergeben. Nicht widerstreben ist das einzige, das uns freisteht, Hingabe, Schweigen, Bona Voluntas. So gewinnt denn das Sinnbild sein Recht, daß alles Heil aus Gnade kommt, und daß niemand sich selbst erlöst. Jeder aber vermag jeden zum Heil zu führen, mit schwachen oder mit starken Kräften, das ist das Geheimnis menschlicher Solidarität. Auch die Sünde läßt sich begreifen als der Inbegriff der alten Bezirke, die unser Geschlecht auf langem Wege durchlaufen hat, und das schwere, zur Erde ziehende, schuldhaft scheinende Bewußtsein ist der Gefühlston der Geister, die sich schmerzlich vom Vergangenen losreißen, um erwachend dem kommenden Reich entgegen zu schreiten. Für dieses Reich aber, das das Reich der Seele ist, läßt sich kein schöneres Bild finden als das vom Reiche des Himmels, und wenn gesagt ist, daß die Armen am Geiste es betreten, so verstehen wir das Gleichnis, wenn wir der Armut des Intellekts den Reichtum der Seelenkräfte gegenüberstellen.

Alle reinen Glaubensformen sind Projektionen des Unaussprechlichen auf die wechselnden Flächen des örtlichen und zeitlichen Vorstellungs- und Fassungsvermögens. Sollten wir wünschen, oder auch nur denken können, daß eine Symbolik und Ausdrucksform die herrschende werde und die übrigen vertilgt oder knechte? Wenn wir begreifen, daß Glauben ein Leben und nicht einen Vorstellungskomplex bedeutet, so können wir in dem Schritt der Welt zur Gläubigkeit nicht die Neuordnung und Uniformierung gegebener Vorstellungsreihen erblicken, sondern die Vergeistigung, die fortgesetzte, innere Wandlung einer jeden Glaubensform vom Fetischismus, Eudämonismus und Ritualismus zur Transzendenz.

Und wenn auf diesem Wege die Symbolismen und Mechanisierungsformen sich weiterhin zersplittern, so soll es uns nicht anfechten. Im Versiegen der Wundertat und der berufenen Offenbarung liegt nicht zornige Abwendung des Göttlichen, sondern die Mündigkeitserklärung der Menschheit. Nun ist sich jeder seiner Glaubenspflicht und innerhalb dieser Pflicht seiner Glaubensfreiheit bewußt, nun wissen wir, daß nicht lernen, wissen, fürwahrhalten, denken und handeln uns selig macht, sondern der gute Wille, Erleuchtung und inneres Leben. Und wie die Mannigfaltigkeit alles Menschlichen im Guten das tröstlichste Geschenk der Schöpfung an unseren Glauben ist, so ist die Mannigfaltigkeit des Glaubens die dankbare Erwiderung der menschlichen Geteiltheit an das Eine.

Freilich, in unserem armen Stande des vorstellungsbedürftigen Geistes scheint uns eine Erhebung leer, erlahmt allzubald das Herz in seinem Schwung, wenn nicht ein leichtes Gerüst von Begriffen und Worten die Inhalte unseres Glaubenslebens stützt. Gestehen wir frei, was Menschen sonst in begreiflicher Verschämtheit nicht leicht berühren, daß jeder von uns halb unbewußt eine kleine Dogmatik, Mythologie und Heilslehre verschwiegen sich im Innern geschaffen hat, bereit, sie im kalten Tageslicht zu verleugnen, in dunkler Stille geneigt, ihr zu lauschen. Warum verhüllen wir diese Dinge? Nicht weil sie kindlich, unsystematisch, unbeweisbar sind, – denn wieviel von unseren Tagesmeinungen ist beweisbar? – sondern weil wir den Spott vor uns selbst fürchten, weil wir die Überzeugung von der Größe, dem Ernst und der Pflicht des Glaubens verloren haben. Deshalb zertreten wir die leichten Blüten auf dem kindlichen Grunde des Gemüts, und schämen uns der Verwüstung, und bedecken sie mit Heimlichkeit. Laßt uns mutig und offenherzig sein, laßt uns diese bescheidenen Schöpfungen pflegen und unbelächelt mitteilen, ein Teil der Aufmerksamkeit, die wir alltäglichen Erlebnissen und wissenschaftlichen Feststellungen opfern, mag ihnen gegönnt sein. Denn in ihnen vollzieht sich die stille Bewegung, das gestaltende Wachstum des Glaubens. Was Wissenschaften nicht vermochten, Kirchen versäumten, einsame Denker in langen Abständen mühsam unternahmen, das wird durch Volkskraft organisch sich bilden, sofern wir die blöde Scheu des Alltags verwinden.

Diese Scheu empfinde auch ich, obwohl ich in meinen Schriften auf Gedankenwegen bis an die Grenze des Glaubensbekenntnisses mich leiten ließ, heute überschreite ich sie, nicht in der Meinung, euch auch nur ein Wort zu sagen, das weiter trägt als eure eigenen Fühlungen, oder das in eurem Gedächtnis zu haften verdient, doch in dem Wunsche, von euch geprüft zu werden, wie ihr einander euch prüfen sollt, und in dem Pflichtbewußtsein, der eigenen Forderung nicht auszuweichen.

Ich glaube, daß unsere schwache Einsicht und unsere wenigen und zufälligen Sinne uns von der wahren Welt nicht viel mehr offenbaren als dem Geschöpf, das zwischen Stamm und Borke eines Baumes lebt. So hat Spinoza gelehrt, daß von den unendlichen Attributen des Seienden uns zwei nur erkennbar sind: Räumlichkeit und Bewußtsein.

Ich glaube, daß die sinnliche Welt das Buch ist, aus dem wir Bilder und Gleichnisse der Betrachtung schöpfen, und der Kampfplatz, auf dem unser Wille die Laufbahn von der Kindlichkeit der Begierde bis zur reifenden Einkehr durchmißt.