Ich glaube, daß der Geist unendliche Stufen durchläuft, von undenklicher Zersplitterung bis zum Geist des Ätheratoms, vom Geist des Minerals, der organischen Substanz, der Zelle, der Pflanze und des Tieres bis zum Geist des Menschen, und abermals in undenkbarer Folge aufwärts. Diese Welt der Geister ist die wahre Welt, von ihren Gesetzen wissen wir wenig, doch die wunderbare Mannigfalt des Gesetzmäßigen fügt es, daß unter unseren Augen geistige Gebilde mit eigenem Bewußtsein entstehen, Zellenstaaten, Ameisenhaufen, Bienenschwärme, Menschenstädte und Menschennationen.
Jede Geistesstufe bildet sich eine Erscheinungswelt aus dem, was sie zu fassen vermag; die Welt, die der Granit begreift, ist eine andere als die der Zelle, die menschliche, von Geist und Sinnen erschaffene Welt ist eine andere als die des Regenwurmes.
Die Geistesformen, die hinter uns liegen, gipfeln in einem einzigen Willen: zur Selbsterhaltung und Arterhaltung. Dieser Wille hat sich ein stets verfeinertes Werkzeug geschaffen, das wir auf menschlicher Stufe Intellekt nennen; der grobe, unmittelbare Wille zur Erhaltung aber hat sich zugespitzt zum mittelbaren Willen; dessen Gegenstand nennen wir Zweck.
Intellekt und Zweck beherrschen die ganze organische Stufenfolge bis zum Menschentum, vom Geist der Alge bis zum Geist des Staatsmannes sind sie nur gradweise verschieden.
Der Mensch aber ist ein Geschöpf der Grenze. In ihm endet die zweckhaft-intellektuelle Geistesform und entsteht eine höhere. Im Menschen erwachen Gefühlsreihen, die nicht mehr der Erhaltung dienen, ja ihr entgegenwirken können. Ideen und Ideale, Liebe zum Nächsten, zur Menschheit, zur Schöpfung, zum Überweltlichen erfüllen das Leben des Menschen und sind zweckfrei, sie dienen uns nicht, sondern wir dienen ihnen und sind bereit, für sie uns zu opfern.
Hier beginnt das nächst höhere Geistesreich, das Reich der Seele. Seiner sind wir nicht stärker teilhaftig, als etwa die Zelle des intellektualen Reichs teilhaftig ist. In diesem Reich und seiner Anschauungswelt sind wir unmündige, stammelnde Kinder. Deshalb können wir seine Welt, die nicht mehr die Welt der raumzeitlichen Vorstellungen und Begriffe ist, nur ahnen, nicht erfassen.
Von dieser Grenze aus scheidet sich alles Seiende. Die durchlaufenden Welten erscheinen als die Weltseite der Schöpfung, was ihnen angehört, wird im Sinne der Einsicht zum Unwesentlichen, im Sinne der Ethik zur Sünde. Der Gottseite der Schöpfung, dem Kommenden, das uns als Vollendung erscheint, und das der Beginn neuer unendlicher Stufenfolge ist, streben wir entgegen, und es steht bei uns, wie weit wir in uns und um uns das kommende Reich schon im irdischen Dasein verwirklichen.
Dies ist die Sendung des Menschengeschlechts: die mittlere Reihe der Schöpfung zu vollenden und die höhere Reihe der Welten zu beginnen, und dies ist seine Verantwortung: aus niederem Geist göttlichen Geist zu verklären. Erlösung aber bedeutet, daß diese Verklärung aus eigener Kraft nicht möglich ist, daß dem guten Willen die rettende Kraft zu Hilfe kommt.
Guter Wille, Vertrauen und Liebe öffnen unsere Herzen den göttlichen Strahlen, die uns allerwärts umfließen, und helfen die Herzen unserer Brüder öffnen. Hierin ist alle Glaubens- und Sittenlehre beschlossen; es gibt kein Tun und Vollbringen, das selig macht, selig macht nur die Gesinnung. Es gibt kein sittliches Handeln, sondern einen sittlichen Zustand, der unrechtes Handeln ausschließt. Es gibt keine absoluten Werte außer jenen dreien, die uns dem Reich der Seele entgegenführen, alle anderen irdischen Güter sind bestenfalls Mittel.
Ich glaube, daß im vollendeten Reich der Seele alle Erscheinungen und Kategorien der intellektualen Welt beendet sind, mit ihnen die kämpfende Individualität, die Vergänglichkeit und die intellektuale Einsicht. Hier liegt die Grenze unserer Sprache und Vorstellungskraft. Es versagen alle Symbole.