Denn auf welcher geistigen und sittlichen Stufe wir stehen, wissen wir. Wollen wir wissen, ob und wie wir die nächste Stufe erreichen, so müssen wir die bewegenden Kräfte prüfen.
Alle Form ist sichtbarer Geist. Wo immer wir Lebensäußerungen und Einrichtungen beobachten, treffen wir, sofern wir tief genug schürfen, auf die Wurzeln des intellektualen und voluntarischen Charakters, Geist und Willen. Und wenn bei einem so hochstehenden Volke wie dem unseren, Trübungen sich zeigen und nicht weichen wollen, so müssen wir die Ursachen in den Willenskräften aufdecken können. Nicht in der energetischen Größe der Willensstärke, denn die ist überschüssig, sondern in Einseitigkeiten der Richtung, in unausgeglichener Aktivität.
Die sichtbaren Mängel unserer Formen, Einrichtungen und Gesinnungen habe ich in einem Buch, das vielen von euch bekannt ist, geschildert. Bei ihnen wollen wir nur so lange verweilen, bis uns über die Einheitlichkeit ihrer Artung eine Vorstellung erwacht, die wir in der Beobachtung unseres Charakters wiederfinden.
Die Schwächen und Ungerechtigkeiten unseres wirtschaftlichen und sozialen Aufbaus sind die gleichen wie in aller übrigen Welt, sie fordern keine gesonderte Betrachtung. Mit einer Ausnahme: der Aufstieg ist bei uns viel schwerer als anderswo, denn mit der plutokratischen Hemmung verbindet sich die der feudal-bureaukratisch-militärischen Atmosphäre. Auf die kommen wir zurück.
Ganz eigenartig, teilweise nur mit denen Österreichs vergleichbar, sind unsere politischen Schwächen, die wir diesmal nur flüchtig streifen wollen.
Die Regierung: ein Aufbau unglaublicher innerer Komplikation, Reibung und Hemmung. Vollkommene Unmöglichkeit einer Fernpolitik, eines Verfügens auf lange Sicht, das im Wettbewerb der Völker entscheidet; denn der Staatsmann ist eingespannt in ein neunzigfaches Veto, dem kein Jubeo entgegensteht. Er muß paktieren mit Höfen, Kirchen, Bundesstaaten, verbündeten Mächten, drei Kabinetten, zwei Reihen von unbekannten Kollegen, einem entrückten Kanzler, seinen eigenen Räten, mehreren Parlamenten und zahlreichen Kommissionen, Parteien, Einzelabgeordneten, Gewerbevertretungen, Interessenvertretungen, Einzelinteressenten. Jeder kann ihn stürzen, keiner hält ihn. Er kann froh sein, wenn er ein paar Jahre laviert, paktiert und verwaltet hat. An Weitsichtiges kann er sich zur Not auf technischen Gebieten wagen, die niemand interessieren, oder die niemand versteht. Man wendet ein, daß Bismarck mit diesem System ein Menschenalter regiert hat: er besaß neben seiner Genialität einen Talisman, den er erst am Tage seiner Absetzung verlor: die Unabsetzbarkeit.
Warum das? Weil wir ein halbkonstitutioneller Staat sind. Ein Staat, in welchem mit Hilfe einer beamteten Gelehrsamkeit alles Historische und Überlieferte nach Kräften erhalten wird, weil es historisch und überliefert ist. Ein Staat, in welchem die Worte Volk und Demokratie vor dem Kriege verpönt waren. Ein Staat, in welchem viele Sonderrechte bestehen und niemand eines aufzugeben braucht, weil niemand es verlangt. Ein Staat, in welchem seit Jahrhunderten niemand regiert, der nicht als Angehöriger oder Assimilant des militärischen Feudalismus, des feudalisierten Bureaukratismus oder des feudalisierten, militarisierten und bureaukratisierten Plutokratismus auftritt. Ein Staat, in welchem mit Hilfe der so bezeichneten Atmosphäre, verschärft durch dauernde politische, kirchliche und militärische Führungskontrolle, eine Auslese der Begabungen stattfindet, die man als Gegenauslese bezeichnen kann. Ein Staat, in welchem das Großbürgertum sich vorwiegend von der Politik fernhält, es sei denn da, wo Erwerbsinteressen berührt werden, oder wo Beziehungen zu gewinnen oder zu erhalten sind. Das mittlere Bürgertum folgt zu einem Drittel der Kirche, zu einem Drittel der kontrollierenden Autorität, zu einem Drittel ist es in Opposition.
Die beiden großen Parlamente sind tief reformbedürftig. Die Reform dieser Parlamente, zumal des Reichstages, ist weit notwendiger und dringender als die der Regierung. Gewählt sind sie auf Grund eines verwerflichen und eines geometrisch verfälschten Wahlverfahrens. Ihre geistige Höhenlinie liegt weit tiefer, als ein geistig hochentwickeltes Volk sie von sich verlangen kann. Überwiegend bestehen sie aus Ortsgrößen und Vertretern von Interessentenvereinigungen. Schöpferische Staatsmänner finden sich kaum. Ihre Tätigkeit ist vorwiegend Abänderung, vielfach Verschlechterung von Regierungsvorlagen, und Kritik. Eigene Initiative ist selten, geschieht sie, so wird sie meist schnell bereut. Routinierte Staatsleute werden nach bestimmten Behandlungsregeln leicht mit den Parlamenten fertig, auch in erregten Sitzungen. Für die Machtlosigkeit der Parlamente entschädigen sich die Kommissionen und die gewandteren Abgeordneten durch offizielle Rücksichten, die man ihnen gewährt. Würden unsere Parlamente heute vor die Aufgabe gestellt, Koalitionsministerien zu schaffen, so wären sie ratlos; sie wissen selbst, daß ihre Minister sich nicht mit denen der Bureaukratie würden messen können. Alles in allem kann man sagen: es würde ohne unsere Parlamente ebensogut oder besser regiert werden, als mit ihnen. Dereinst sollen sie die Schule des Staatsmannes, die Quelle der Auslese, die Träger der Verantwortung werden. Heute sind sie bestenfalls das kleinere von zwei Übeln.
Woher kommt das? Die Gründe sind die gleichen, wie die, welche die Regierung lähmen. Halbkonstitutionelles System, daher parlamentarische Machtlosigkeit, daher parlamentarische Interessenlosigkeit, daher parlamentarische Unzulänglichkeit, daher Unmöglichkeit, dem Parlament größere Verantwortung zu gewähren, daher halbkonstitutionelles System. Den Zirkel könnte nur das Volk zerschneiden, doch es ist unpolitisch, parlamentsmüde, noch bevor es ein echtes Parlament kennengelernt hat, indolent, durch gelehrte Theorien, Schlagworte und Beeinflussung kopfscheu gemacht. Die größte Verwirrung aber stiftet der angebliche Gegenbegriff Autokratie und Demokratie.
Bismarck hat den bourgeoisen Liberalismus vernichtet, das war sein Recht; er hat ihn überdies derart diskreditiert, daß er fast mit dem Makel der Unehrlichkeit behaftet wurde, das war sein Unrecht. Machte Liberalismus den Menschen gewissermaßen gesellschaftsunfähig und ungeeignet, ein besseres Amt zu bekleiden, so war Demokratismus offenkundige Auflehnung gegen die gottgewollte Obrigkeit und Abhängigkeit; und so erscheint er den meisten noch heute. Man denkt an Pöbelherrschaft und Kommunismus und kommt sich klug vor, wenn man beobachtet, daß selbst in Republiken eigentlich autokratisch regiert wird.