Autokratisch soll überall regiert werden, jede andere als die autokratische Regierung ist machtlos und unfähig. Autokratie und Demokratie sind nicht Gegensätze, die sich ausschließen; im Gegenteil, nur durch Vereinigung kommen sie zur Wirkung. Nur auf demokratischer Grundlage kann und darf autokratisch regiert werden, nur mit autokratischem Überbau ist Demokratie gerechtfertigt.
In allen Zeiten haben Personen regiert, nicht Körperschaften und Massen. Regieren aber ist Kunst, sie kann nur geübt werden, wenn der schaffende Mensch ungestört, unbehelligt, vom Vertrauen getragen bleibt. Regiert er ohne Vertrauen, durch Macht, so ist er Despot, regiert er ohne Vertrauen, kontrolliert, behelligt und gehemmt, so ist er Stümper.
Vertrauen macht Autokratie möglich, Demokratie macht Vertrauen möglich. Vertrauen schenkt man dem, den man kennt und will, nicht dem, der ernannt wird. Wohl kann auch der Ernannte sich Vertrauen erwerben; bis er es hat, ist er tot, zum mindesten verbraucht. Das Vertrauen zum Erwählten muß und soll nicht ewig währen; endet es, so tritt er ab, ein anderer richtet den Weg wieder gerade, renkt die Fehler ein, und nach einer Zeit mag der erste wiederkommen. Durch den Begriff des Vertrauens, womit nicht der plumpe Kredit bürgerlicher Unbescholtenheit, sondern geistiges Vertrauen gemeint ist, verbindet sich Demokratie und Autokratie zur einzigen politischen Form, die großer Verantwortung gewachsen ist.
Dies wissen wir nicht, verhöhnen den demokratischen Autokratismus, stellen ihm die demokratische Wahlform eines machtlosen Parlaments gegenüber und machen aus unverhohlenem Mißtrauen durch stets verschärfte Kontrollen den uns auferlegten Staatsmännern das an sich unmögliche Leben noch unmöglicher.
Bevor wir nun der Frage antworten, welche unserer Charaktereigenschaften unser politisches Leben verwirrt und uns den Aufstieg zu neuer Gesinnung erschwert, sei eine Bemerkung eingeschaltet, die unser neueres Verhältnis zur Beobachtung eigener und fremder Charakterzüge betrifft.
Mag man sich zum Kriege stellen, wie man will; unvergeßlich bleiben jene Augusttage auch für den, der hinter den Jubelchören Schatten aufsteigen sah. Bald wurde auch manchem anderen der falsche Ton vernehmlich, der in der herrlichen Begeisterung der Jungen, in der brüderlichen Opferfreude der Älteren anfänglich verklungen war. Bald wurde fühlbar, es gab auch solche, die von dem großen Ereignis eigene Vorteile hofften, sei es für die alte, sei es für eine neue Laufbahn, sei es für geschäftliche, sei es für politische Sonderstrebungen; es gab auch beabsichtigten und interessierten Enthusiasmus. Während draußen die ersten und herrlichsten Taten geschahen, während die erste, heißeste Hingabe der Heimat, zumal der Frauen, die Herzen erwärmte, regten sich die ersten Heimkrieger, Kriegsspekulanten und Raffer. Während das Volk an den Fronten diszipliniert, daheim organisiert wurde, verebbte der Geist. Nie hatte es ein derartiges Absinken der geistigen Ebene Europas in so kurzer Zeit gegeben. Das Denken der Gebildeten verschmolz mit dem der Massen zu aufgeregter, unduldsamer Suggestion, die jede Prüfung und Besinnung verpönte, das Ungereimteste, Widersinnigste, Gehässigste wurde ausgesprengt, geglaubt, geurteilt, vorausgesagt, und jeder verfolgt, der nicht einzustimmen schien. Ja, eine Tendenz trat auf, die man nicht anders als die Ranküne des Ungeistes benennen kann, und die sich, unausgesprochen, folgendermaßen zu äußern schien: »Zu lange haben wir die verstiegenen Dinge, die sich geistig und künstlerisch nannten, die niemand von uns verstand, und die uns mißfielen, gegen uns gelten lassen müssen. Das hat jetzt ein Ende. Wozu seid ihr Geistigen da? Jetzt herrscht der Arm, und der wird euch zeigen, daß er die Welt bezwingt. Verkriecht euch, jetzt wollen wir lesen, sehen und hören, was wir verstehen, und was uns freut.« Und wirklich, bis in die Auslagen der Läden drang der gut bürgerliche Geschmack, der Tonzwerg- und Pfeifenkopfhumor, in den Unterhaltungsbeilagen der Blätter las man Geschichten vom treuen Spitz und klugen Elschen, und im Parlament stimmte man einem Redner zu, der die fünfhundertste Aufführung einer rührenden Operette als Wiederkehr der Unschuld und Harmlosigkeit pries.
In dieser Atmosphäre begannen die Massenurteile über fremden und eigenen Volkscharakter. Einem leidenden und erbitterten Volke ist es nicht zu verübeln, wenn es von feindlichen Ränken und Greueln hört, die in Millionenheeren nicht ausbleiben können, daß es sich in leidenschaftlicher Verallgemeinerung dem entrüsteten Hasse hingibt; und dieser Haß wütet in der Heimat noch rückhaltloser als im Felde, wo ritterliche Anerkennung feindlicher Tapferkeit ihm entgegenwirkt. In solchen Zeiten sollte der Gebildete sich dreierlei vor Augen halten, wenn er nach allgemeinem Urteil strebt.
Erstens. Ein Volk ist ein kollektiver Geist, der von außen betrachtet, anders wirkt als die Summe der Einzelgeister. Solange die Völker nahezu anarchisch, nach Raubtierart leben, muß jedes Volk, das gut geleitet und zielbewußt seine Interessen vertritt, nach außen raubtierhaft erscheinen, ohne daß seine Glieder Raubtiere zu sein brauchen. Erscheint es nach außen gutmütig, freundlich, dankbar, gefühlvoll, so ist das kein Beweis für derartige Eigenschaften seiner Glieder, sondern ein Beweis von politischer Schwäche und schlechter Leitung. Der anarchische Zustand soll und wird aufhören; dann werden die Völker als kollektive Gebilde das Recht und die Pflicht haben, nach außen menschenähnlich und sittlich zu erscheinen. Solange man den anarchischen Zustand, die gerüstete Feindschaft aufrechterhält, somit will, soll man sich nicht damit brüsten, wenn man nicht den Willen, die Kraft oder den Erfolg der vereinbarten Brutalität besitzt, und soll nicht den verurteilen, der die Folgen zieht. Ein guter Schachspieler wird seinem Partner nicht das Brett um den Kopf schlagen, mit der Begründung, der andere habe ihm in hinterlistiger Weise seine Dame genommen oder seinen König eingekreist. Leider sind beim anarchischen Zustande der Staaten fast alle Mittel im Frieden und Kriege erlaubt. Das darüber hinausgehende Unrecht fällt jedoch meistens einzelnen, selten der Gesamtheit zur Last. Schlimm ist es freilich, daß die Gemeinschaft sich fast immer bestimmen läßt, das Einzelunrecht zu entschuldigen; das liegt in der Regel an der Einseitigkeit der Berichterstattung und der Schwierigkeit der Nachprüfung.
Zweitens. Die Charaktere der Kulturvölker sind ähnlicher als man glaubt. In jedem Volke gibt es Heilige und Sünder, Seelenhafte und Seelenlose, Helden und Feiglinge, Idealisten und Krämer, Märtyrer und Mörder, in allen fast in der gleichen Mischung. Weit verschiedener als die Völker untereinander sind die Schichten innerhalb ein und desselben Volkes. Die meisten Vergleiche populärer Psychologie haben den Fehler, daß man ungleichartige Schichten verglichen hat; unwillkürlich wählt man bei sich selbst die höhere, beim anderen die tiefere Schicht zum Vergleich. So entstehen jene grauenhaft trivialen, grundfalschen Populärurteile, die mehr als alles andere dazu beigetragen haben, die Völker zu entzweien.
Drittens. Psychologisches Urteil läßt sich nicht erlernen. Es ist nicht Sache der Wissenschaft, noch weniger der bürgerlichen Beobachtung, sondern der Einfühlung. Ein Gelehrter, der Literatur, Kultur oder Verfassung eines Volkes studiert, kann wertvolle Einzelzüge vereinigen, dasselbe kann ein gereifter Bürger, der irgendwo gelebt und gute oder schlechte Geschäfte gemacht hat; das Einfühlen in die Natur eines einzelnen, das viel schwierigere Einfühlen in die Natur eines Volkes fordert intuitive, ja dichterische Begabung.