In der Wissenschaft hetzen wir den Entwicklungsbegriff und den Historismus zu Tode. Wir wagen keinem Gegenstand unbefangen ins Auge zu sehen, ihn zu werten und auszuschöpfen; wir wollen alles hinten herum über ihn, seine Vergangenheit, Sippschaft, Umstände und Analogien erfahren, verlieren alle Naivität, und müssen ihn jedesmal, nachdem wir ihn gutwillig oder mit Gewalt logisch gemacht haben, am Ende schlechterdings billigen. Wir wissen alles, um alles beim alten zu lassen. Die amtliche Wissenschaft ist, nächst dem Interessenten, unsere konservative Kraft. Die Verfolgung jeder Originalität, sofern sie jünger ist als ein Menschenalter, scheint ihr geboten.

In der Verwaltung haften wir an der Tradition. Eingestanden oder nicht: Man sehnt das Vorbild des alten Preußen zurück, eines landwirtschaftlichen, unmechanisierten Mittelstaats, der nach Art einer großen Gutsherrschaft vom Eigentümer mit Hilfe einiger Kabinette verwaltet werden konnte. Die Bewegungsfreiheit der Ressorts in jeder Frage weittragender Politik habe ich geschildert; noch nie hat meines Wissens einer der Beteiligten, mit Ausnahme Bismarcks, sie offen gerügt; man betrachtet diese Abhängigkeit als ebenso gottgewollt, wie die der Führung, der Anschauung, der Atmosphäre.

In der Politik wird größere Unabhängigkeit von einzelnen Parteien programmatisch erstrebt. In der Praxis würde man erschrecken, wenn sie gewährt würde. Ob ein parlamentarisches Ministerium überhaupt von den bestimmenden Personen zustande gebracht werden könnte, ist fraglich. Man würde vorziehen, die Verantwortung in gewohnter Weise übernommen zu sehen, und allenfalls es nicht übel vermerken, den eigenen Namen auf der Liste zu finden.

Über die Abhängigkeit von zwei Herrenkasten, der militarisch-feudalen und der bureaukratischen sowie von der emporgedrungenen plutokratischen Schicht, die sich gegenwärtig durch den Zutritt der Kriegsgewinner verstärkt, ist nichts weiter zu sagen.

Das seltsamste Abhängigkeitsbedürfnis auf höherer Ebene ist das gesellschaftliche, das sich im Großbürgertum auswirkt.

Militär und Beamtenschaft unterstehen einer Führungs- und Herkunftskontrolle. Das gehobene Bürgertum will sie nicht entbehren. Der innere Grund ist vermutlich der: Da das gesellschaftliche Vorbild einer Aristokratie für allgemeine Haltung und Lebensform fehlte und der junge Reichtum zu massenhaft aufschoß, um ein Patriziat zu bilden, verlangte man nach Legitimation. Diesem Bedürfnis kam der Staat, halb unbewußt, halb humorvoll berechnend entgegen. Es gibt in Deutschland der Schätzung nach mehrere tausend Titulaturen, Rangstufen und Auszeichnungen. Viele wurden dem Bürgertum zugänglich, und man konnte es dem Staat nicht verübeln, ja man sah vielfach eine erwünschte Verbriefung darin, daß eine milde Kontrolle der Herkunft und der Führung, eine entschiedenere der politischen Gesinnung an die Verleihung geknüpft wurde. Der Vorteil war offenkundig: Hatte ein mittlerer Industrieller dreißigtausend Mark für Kirchenbauten gestiftet und kurz darauf die Würde eines Königlichen Kommerzienrates erhalten, so war es ihm und den Seinen eine Befriedigung, daß eine Prüfung seiner persönlichen und geschäftlichen Verhältnisse vorausgegangen, und somit auch nach außen der Beweis erbracht war, daß die nackte materielle Leistung allenfalls den Anlaß, keinesfalls den Grund seiner bürgerlichen Erhöhung ausmachte.

Es ist fraglich, ob die herrschenden Staatsmächte sich bewußt sind, welch ungemessenen Gesinnungseinfluß die selbstgewählte Führungsabhängigkeit des höheren Bürgertums ihnen gewährt. Unter Hunderttausenden von bürgerlich oder militärisch Begünstigten findet sich kaum ein Sozialdemokrat; im militärischen Verhältnis wurde vor dem Kriege ausgesprochener Liberalismus nicht geduldet, im bürgerlichen Verhältnis war er selten. Zieht man die Wirkung auf Anhang und Gefolgschaft in Betracht, so ergibt sich, daß die als läßliche und gutartige Schwäche verspottete Titelsucht der Deutschen eine der ernstesten politischen Realitäten bedeutet: nämlich den Verzicht eines bedeutenden Teils der bürgerlichen Intelligenz auf politische Unabhängigkeit.

Um Unabhängigkeitsdrang zu suchen, wenden wir uns von den bürgerlichen Schichten zu den Organisationen des Proletariats, und finden die Abhängigkeitssucht in ihren vier schroffsten Formen: Abhängigkeit vom wissenschaftlichen Dogma, Abhängigkeit der Massen von den Führern, Abhängigkeit der Massen von der selbstgeschaffenen Atmosphäre, Abhängigkeit der Führer von den Massen. Käme Christus wieder und verstieße wider das Programm der Schriftgelehrten, so wäre er in der Parteiversammlung nicht sicherer als anderswo.

Alle Selbständigkeit und Unabhängigkeit hat sich ins Wirtschaftsleben geflüchtet. Dort herrscht sie jedoch nicht aus starkem Charakter und unbeugsamer Überzeugung, sondern im Dienste des Kampfes um mein und dein. Schlimm genug: Unabhängig und mannstolz können wir sein, wenn es sich lohnt. Um einer Million willen lohnt es, um lumpiger Ideale willen lohnt es nicht.

Der Unabhängigkeitsdrang der Gewerbe, der einzige, den wir haben, und der einzige, der gezügelt sein sollte, verbunden mit einer unerhörten Schulung im geschäftspolitischen und dialektischen Gebaren entwickelt sich zu unserer schwersten inneren Gefahr. Wenn der Generalsekretär des »Allgemeinen Deutschen Verbandes zur Wahrung der Interessen sämtlicher Zweige der ausgestopften Vogel-Industrie« (Abgekürzt: A. D. V. z. W. d. I. s. Z. d. a. V. I.), blendende Erscheinung, sonor und formgewandt, von der Tribüne die Bedeutung der ihm anvertrauten Interessen erläutert und mit historischen, geographischen, ethnographischen, handelspolitischen, finanziellen, sozialen, kulturellen, ethischen und allgemein menschlichen Beweisen bekräftigt, wenn er dann auf unsere Ostpolitik übergeht und darlegt, daß sie unter Umständen nicht weit entfernt sei, einen gewissen unendlich wichtigen Zweig seines Gewerbes zu schädigen, so wird jedes Herz mit Sorge erfüllt. Wenn alsdann Hunderttausende von Flugschriften, zahlreiche Versammlungsbeschlüsse, Handelskammereingaben und Abgeordneteneinsprüche die Warnung wiederholen, so werden manche seiner Freunde dem Staatsmann empfehlen, seine Gesamtpolitik zu ändern. Da es schließlich keine Politik gibt, die nicht irgendwelche Interessen verletzt, so muß es am Ende dahin kommen, daß nur noch solche Dinge unternommen werden können, deren Gegeninteressenten schwach, mißliebig oder spärlich sind; das bedeutet die letzte Einschränkung unserer ohnehin so geringen Bewegungsfreiheit. Wir gehen am Interessenten zugrunde.