Wir steigen von der höheren geistigen Ebene zur mittleren herab und finden weniger freundliche Züge unseres Dranges zur Abhängigkeit.
Die menschliche Verflechtung von Autorität und Folge erstarrt zu einer lückenlosen Kette Vorgesetzter und Untergebener, verbunden durch die eiserne Klammer der Subordination. Der Mensch ist nicht ein Glied organischer Gemeinschaft, sondern er ist festgelegt, seinem Werte, seinem Selbstbewußtsein, seinem Ansehen nach, durch die Bestimmung: wen er kommandiert und wer ihm etwas zu sagen hat. Unbewußt wandelt sich jede Beziehung in ein Subordinationsverhältnis: Der Vater ist der Vorgesetzte des Kindes, der Lehrer ist der Vorgesetzte der Schüler, der Schutzmann ist der Vorgesetzte des Publikums, der Schalterbeamte ist der Vorgesetzte der Briefmarkenkäufer, das Militär ist der Vorgesetzte des Zivils, und in den Kolonien fühlt sich, sehr zum Schaden des zivilisatorischen Gedankens, der Weiße vielfach als Vorgesetzter des Eingeborenen.
Subordination! Dies harte Wort spät-lateinischen Ursprungs wird in anderen Sprachen als der deutschen fast nie gebraucht; wir haben es jeden Tag nötig. Es durch Gefolgschaft, Unterordnung, Treue zu ersetzen, fällt niemand ein, denn es bedeutet etwas anderes und soll etwas anderes bedeuten. Selbst Gehorsam und Folgsamkeit, Worte, die auf erwachsene Menschen keine Anwendung haben, würden nicht ausreichen. Der Sinn, den Subordination in uns erweckt, ist schrankenlose Unterwerfung eines Menschen unter das Gebot eines anderen Menschen, und die Symbolik der Ehrenbezeigungen, die dieses Verhältnis bekräftigen, verlangt rückhaltloses Hinstrecken des ganzen Leibes. Es ist folgerichtig, daß in zwei ganz verschiedenen Sprachen gesprochen wird, je nachdem man von unten nach oben oder von oben nach unten sich äußert. Hier wird untertänigst erinnert, gehorsamst anheimgestellt, ganz ergebenst gebeten, bemerken zu dürfen, man beehrt sich, erstirbt, legt sich zu Füßen, dort wird geruht, befohlen, verordnet und im besten Falle ersucht. Hier wird in der dritten Person Pluralis gesprochen, in Ermangelung einer vierten, dort beliebt man vielfach, auch vom jüngeren zum älteren, ein väterliches Du. In höheren Erlassen erscheint unter Umständen das ganze Volk als ein kollektiver Untergebener oder Untertan, es wird zur Treue, zur Pflichterfüllung und zum Gehorsam ermahnt.
Das fortlaufende Kettenverhältnis: Vorgesetzter – Untergebener findet ein gewisses Gleichgewicht in sich selbst: Schärfe gegen den Untergebenen findet ihre Grenze in der Vorsicht gegenüber dem eigenen Vorgesetzten; bedenklichere Folgen können entstehen, wenn die Wirkung nur nach unten stattfindet, weil der eigene Vorgesetzte unerreichbar oder nicht vorhanden ist. Solche Folgen sind vorzeiten gelegentlich im Auslande und in Kolonien entstanden.
Es ist begreiflich, daß unsere Herrenkaste den deutschen Subordinationszustand will und verteidigt, denn er dient ihr dazu, die bestehende Schichtung zu erhalten. Da sie sich gern patriotischer und theologischer Argumente bedient, so hat sie den wirksamem Ausdruck der gottgewollten Abhängigkeit erfunden. Innerhalb der Herrenkaste, die überhaupt in Deutschland die einzige Klasse bildet, welche die inneren Verhältnisse klar überblickt und über auswärtige Vergleiche verfügt, wird denn auch häufig und vorurteilslos über das einheimische Subordinationswesen gesprochen, der Mangel an Würde und Herrentum vermerkt, und insbesondere in seiner Wirkung auf das Ausland gewürdigt. Man hält jedoch das Volk für nicht hinreichend mündig, die feudale Schichtung für zu unentbehrlich, um eine Änderung zuzulassen.
In unseren mittleren Kreisen fehlen die Vergleiche. Man kann sich keinen anderen Zustand vorstellen als den, daß jeder, der es sich leisten kann, kommandiert, und jeder, der es sich gefallen lassen muß, kommandiert wird. Was man von oben empfängt, gibt man nach unten weiter, und noch etwas Eigenes dazu. Wie sollte man dazu kommen, diese Dinge als Sittenfragen zu behandeln? Sie sind nun einmal so und mögen so bleiben.
Es schmerzt mich, wenn ich daran denke, daß unser Land auf den schroffen Begriff der Subordination gestellt ist, während Länder weit geringerer Zivilisationsstufe sich von ihm befreit haben. Führende und Folgende gibt es freilich überall; doch es genügt, das Abhängigkeitsverhältnis im Sachlichen sich auswirken zu lassen, auf menschliche Beziehung soll es nicht übergreifen. Vollends beschämt es mich, wenn ich gestehen muß, daß ich kein anderes zivilisiertes Land gefunden habe, in dem es Menschen gab, die andere grob behandelten, und solche, die sich grob behandeln ließen. Unsere Gutmütigkeit, die für den Begriff des Anschnauzens mindestens ein Dutzend humorvolle Bezeichnungen erfunden hat, entschuldigt uns ein wenig, ein wenig auch unsere Formlosigkeit, doch es bleibt genug übrig, was zu denken gibt.
Freunde, nehmt diese Dinge nicht leicht! Unsere Abhängigkeit schädigt den Menschenwert. Wir brauchen Herrentum und Würde. Hat es nicht manchen unter euch gegeben, den selbst die Äußerungen des Patriotismus vor dem Kriege einen unlieben Beiklang vernehmen ließen? In den frohesten Ruf mischte sich ein aggressiver Schnarrton von Subordination. Bismarck sagte in theoretischer Einkleidung: wir hätten Untertänigkeit an Stelle des Nationalgefühls im Leibe. Wissen wir heute, daß das Vaterland unser Land, der Staat unser Staat, und unsere Treue zum König die freie Zustimmung und Gefolgschaft freier Männer ist?
Sollen wir zu den tiefsten Geistesformen des Abhängigkeitsgefühls niedersteigen? Wenige allgemeine Andeutungen mögen genügen. Wenn das männliche Selbstgefühl erlischt, so entsteht nicht Empörung und Auflehnung, sondern Passivität. Man muß sich manches gefallen lassen und tröstet sich damit, daß es dem Nächsten nicht besser geht, und daß man sich vor ihm nicht zu schämen braucht. Die Oberen haben auch ihre Schwächen, man klatscht darüber, und ist man nicht größer, so sind sie kleiner geworden. Wo geklatscht und denunziert wird, ist man nicht aufsässig. Nur soll der Nächste nicht aufsteigen, da wäre das Spiel verdorben. Beim Unglück des Nächsten ist man nicht ohne Mitleid, beim ersten Strahl des Glücks bricht Neid aus. Sitzen Klatsch und Neid am Tisch, so steht die Pöbelhaftigkeit vor der Tür. Ist jedoch ein plötzlicher Aufstieg geglückt, so zeigen sich alle Untugenden des Emanzipierten, denn der innerlich Unfreie wird durch Befreiung nicht zum Herren.
Genug. Von diesen niederen Formen haben wir nicht viel zu befürchten. Nur eines: Laßt uns den Neid bekämpfen, er ist nicht weit davon, ein nationales Laster zu sein.