Zweitens: wir mußten alle verfügbaren Stoffe jenseits der Grenzen ins Land hineinzwingen, soweit sie zu zwingen waren, sei es durch Kauf im neutralen, sei es durch Beitreibung im okkupierten Ausland. Durch Kauf ist manches hereingeflossen; späterhin, durch Beitreibung im okkupierten Auslande sehr viel und unentbehrliches; davon werde ich später reden.

Die dritte Möglichkeit, die sich uns erschloß, war die Fabrikation. Wir mußten Bedacht darauf nehmen, daß alles das im Inland erzeugt wurde, was unentbehrlich und unerhältlich war. Wir mußten auch darauf Bedacht nehmen, daß neue Erzeugungsmethoden gefunden und entwickelt wurden, wo die alte Technik nicht ausreichte.

Und nun der vierte Weg: es mußten schwer erhältliche Stoffe durch andere, leichter beschaffbare ersetzt werden. Wo steht es geschrieben, daß diese oder jene Sache aus Kupfer oder Aluminium gemacht werden muß; sie kann auch aus etwas anderem gemacht werden. Surrogate müssen herhalten, altgewohnte Fabrikate müssen aus neuen Stoffen geschaffen werden. Wenn die alten sich störrisch zeigen hinsichtlich ihres Stoffverbrauches, so muß dieser Eigensinn gebrochen werden, und es müssen solche Fabrikate erstehen, die weniger wählerisch sind hinsichtlich ihrer Erzeugungsmittel.

Das waren die Methoden, die sich unserem Blick erschlossen hatten; nicht die Lösungen zwar, doch die Wege, die Möglichkeiten, die Hoffnungen.

Auf der anderen Seite aber lagen unübersehbar die Widerstände.

Die kriegswirtschaftliche Gesetzgebung stand etwa auf der Stufe friderizianischer Wirtschaft. Was das Kriegsleistungsgesetz uns freistellte, war, wenn man es seines theoretischen Ausdrucks entkleidet, ungefähr soviel, wie wenn ich sage: Kommt ein Rittmeister in ein Dorf, so kann er sich vom Ortsvorsteher Hafer geben lassen, und macht ihm der Ortsvorsteher Schwierigkeiten durch Säumigkeit, so darf er in gewissen Ausnahmefällen sich den Hafer selbst nehmen. Das war ungefähr der Inbegriff der Gesetzgebung, wie wir sie fanden.

Es gab aber noch andere Schwierigkeiten.

Zur Lösung der Aufgabe, die uns auferlegt war, bedurften wir der Mitarbeit vieler Behörden. In den ersten Tagen war es gelungen, die drei außerpreußischen Kriegsministerien zu einer sehr entgegenkommenden Erklärung zu bewegen, daß sie nämlich Preußen es überlassen würden, die Organisation zu schaffen. Das hat eine große Vereinfachung herbeigeführt. Aber mit vielen anderen Behörden war daneben zu verhandeln und zu arbeiten.

Schon dadurch mußten Schwierigkeiten erstehen, daß das Problem nirgends bekannt war. Noch heute ist ja das deutsche Volk der Ansicht, daß die Rohstoffversorgung ganz von selbst geht. Über Nahrungsmittel wird den ganzen Tag gesprochen, das Problem der Rohstoffe, das geht so nebenher. Aber wie es am Anfang des Krieges lag, das müssen wir uns jetzt erst wieder mühsam vergegenwärtigen. Die ersten sechs Monate hatte niemand eine Ahnung davon, wofür wir eigentlich da waren. Der Reichstag, der im November 1914 zusammentrat, betrachtete uns als eine Art Handelsstelle, die dafür zu sorgen hatte, daß das Sohlenleder und die Wolle billiger würden; daß es sich um Fragen handelte, von denen Krieg und Frieden, Sieg und Niederlage abhingen, war niemandem geläufig und ist es bis zum heutigen Tage noch nicht allen. Unter diesen Verhältnissen hatten wir zu leiden. Um die Requisitionen in Belgien mußten wir kämpfen, denn es gab eine Auffassung, die theoretische Bedenken geltend machte. Unsere Umfragen bei der Industrie wurden an manchen Stellen als eine unzulässige Beunruhigung der Wirtschaft empfunden. Noch entschiedener wurde die Störung einzelner Friedensindustrien uns verübelt.

Schritt für Schritt hatten wir unseren Weg zu bahnen. Doch kann ich sagen: in letzter Linie haben alle Behörden uns unterstützt, in letzter Linie haben wir doch überall Verständnis errungen und gesehen, daß unsere öffentliche Organisation geeignet ist, auf jedes noch so schwierige Problem einzugehen und es mit neuen Mitteln zu lösen. Aber die Anfänge waren schwer.