Nun kommen die Schwierigkeiten, die in uns selbst lagen.

Zu fünft hatten wir angefangen. Menschen wurden gesucht; die Personalbestände der Wirtschaft waren ausgeleert. Alles war an der Front, ging an die Front. Fabriken und Banken habe ich bestürmt: gebt mir Menschen. Ja, es wurden mir manchmal Menschen gegeben, die liefen nach zwei Tagen weg, denen paßte es nicht, von morgens 9 bis abends 12 zu arbeiten, und zwar umsonst und in einer Sache, von der sie nicht genau wußten, wozu sie diente, wohin sie führte. Andere blieben und fanden Gefallen, und so hat doch schließlich ein Kreis sich gebildet, eine Freischar sich zusammengefunden, die in ihrem Zusammenwirken vorbildlich war, und die ich mit schwerem Herzen verlassen habe. Kernhafte Menschen, begeisterungsfähig, freudig und arbeitskräftig, die aus den verschiedensten Berufen stammten, und schließlich alle zum gleichen Ziel hinstrebten. Da war es merkwürdig, wie wir alle fiskalisch wurden; denn das ist eine Eigenschaft des Deutschen, daß da, wo man ihn hinstellt, er mit seiner Aufgabe verwächst und sein ganzes früheres Dasein vergißt. Unsere Industriellen in diesen Stellungen waren bald so fiskalisch geworden, daß wir manches vorwurfsvolle Wort von unseren eigenen Industrien zu hören bekamen.

Da war ein Elektrotechniker, der hatte das ganze Lederwesen unter seiner Obhut, da war ein Metallurge, der hatte die chemischen Industrien, da war ein Nationalökonom, der hatte Textilien; nur der Kautschukindustrie war als Verweser ein Fachgenosse beschieden.

Fast jeden Tag mußten neue Kräfte eingestellt werden. Denn unter jedem Dezernat wuchs nach abwärts eine hierarchische Pyramide; Zweigorganisationen entstanden, Einzelaufgaben wuchsen zu mächtigen Arbeitsgebieten aus; in wenig Monaten war der Umfang einer normalen Behörde überschritten und noch immer dehnte sich der Kreis der Verantwortungen.

Alle diese Menschen mußten geworben und angelernt werden. Es verging Zeit und kostete Arbeit, bis diese Kaufleute und Techniker zu Beamten umgeschaffen waren, bis sie die Gewohnheiten des behördlichen Verkehrs, der klippenreichen Geschäftsordnung, des amtlichen Schriftwesens, und vor allem die Aufgaben ihres eigenen, neugeschaffenen Wirkungskreises sich angeeignet hatten.

Die größten Schwierigkeiten aber lagen in Raum und Zeit.

Im Raum. Vier Zimmer hatte das Kriegsministerium uns anfänglich zur Verfügung gestellt, und das war nichts geringes, denn das Kriegsministerium war in härtester Arbeitsanspannung. Wir verlangten 20 Räume; sie wurden bewilligt. Da gab es schon Umzüge, die schwierig waren und Wochen dauerten. Dann brauchten wir 60 Räume. Da mußten Abteilungen das Feld räumen, die seit Jahrzehnten unbewegt geblieben waren, und die mit 60 000 Aktenstücken aufbrachen. Das war eine Sache von Monaten. Während dieser Zeit waren unsere Korridore schwarz von Menschen, die Vormittage lang auf Abfertigung warteten. Die Einstellung neuer Kräfte war vorübergehend gehemmt; es entstanden Verzögerungen in der Abwicklung der Geschäfte, die uns zu ersticken drohten. Zuletzt blieb uns nichts anderes übrig: wir mußten unter eigener Verantwortung Wohnungen in der Wilhelmstraße mieten, einrichten und besetzen, die nachträglich als Amtsräume des Ministeriums genehmigt wurden. Heute hat die Abteilung eine ganze Straßenfront in der Verlängerten Hedemannstraße und wird die nächste vielleicht bald dazu haben.

Und nun die Zeit.

Es galt, Organisationen täglich und stündlich neu zu schaffen, Verfügungen zu entwerfen, umzuarbeiten und anzupassen, Verhandlungen mit Industriellen zu führen, Versammlungen einzuberufen, eine Korrespondenz von zweitausend täglichen Nummern zu bewältigen, daneben mit den Behörden die Fühlung aufrecht zu erhalten, die neu eingetretenen Menschen anzulernen, dem Strom der Besucher, den Fragenden und Wünschenden standzuhalten – das verlangte einen Tag von 48 Stunden. Eins aber kam uns zugute. Ich habe von der allgemeinen Verkennung unserer Aufgabe gesprochen, als von einem Nachteil. Sie war aber auch von Nutzen, denn die öffentliche Kritik, die heute in das Ernährungsproblem eingreift, ließ uns ziemlich ungestört. Was wir machten, wurde zwar als eine Art von unliebsamer und unnötiger Behelligung der Industrie angesehen, aber man machte uns doch schließlich wenig Schwierigkeiten.

Es kamen ab und zu Professoren, die sagten, es wäre alles falsch, wir müßten alles von vorn anfangen. Es kamen auch Abgeordnete, die sagten, es wäre allerdings falsch, und was die Professoren gesagt hätten, wäre auch falsch; es müßte nochmals geändert werden. Abgesehen von einer grauenhaften Schreibarbeit hat es uns nichts geschadet.