Nun kommen wir zu der Lösung.
Bei der Lösung handelte es sich zunächst darum, Rechtsbegriffe neu zu schaffen. Von der Unvollständigkeit und Unvollkommenheit unserer juristischen Grundlage habe ich Ihnen schon erzählt. Es mußte der Grundbegriff gefunden werden, der es uns ermöglichte, den wirtschaftlichen Kreislauf umzugestalten. Wir schufen einen neuen Begriff der Beschlagnahme; mit etwas Willkür zwar, aber das Belagerungsgesetz stand uns zur Seite, und später ist alles auch unabhängig vom Belagerungszustand gesetzlich sanktioniert worden. Dieser Begriff der Beschlagnahme bedeutet nicht, daß eine Ware in Staatseigentum übergeht, sondern nur, daß ihr eine Beschränkung anhaftet, daß sie nicht mehr machen kann, was sie oder ihr Besitzer, sondern was eine höhere Kraft will. Diese Ware darf nur noch für Kriegszwecke verwendet werden; man darf sie verkaufen, verarbeiten, transportieren, in jede beliebige Form bringen, aber was sie auch erlebt: immer bleibt sie mit dem Gesetz behaftet, daß sie nur der Kriegführung dienen kann.
Zu Anfang hat man sich schwer mit diesem Begriff abgefunden und uns oft gesagt, das wäre nicht richtig gewesen, wir hätten alles konfiszieren sollen. Ich erwähne das nicht, um nochmals zu widerlegen, denn die Behauptung fällt in sich zusammen. Hätten wir die Güter auch nur eines einzigen Wirtschaftskreises, etwa der Metalle, requiriert, also alles Kupfer, Zinn, Nickel, Aluminium, Antimon, Wolfram, Chrom, so wären wir Besitzer geworden von Millionen einzelner Warenposten, und jeden Tag wären ungezählte Anfragen gekommen: Was soll mit diesem und jenem Warenposten gemacht werden? Darf er gewalzt, gezogen, gegossen werden? Wer soll ihn bekommen? Er wird dringend gebraucht. Und auf der anderen Seite hätte die ganze Verarbeitung stillgestanden, bis eine neue Verteilung vorgenommen war. Und die Überwachung und Verrechnung von Milliardenwerten unbekannter Posten wäre uns zur Last gefallen.
Der Begriff der Beschlagnahme hat sich bewährt, und wird aus unserem Kriegswirtschaftsleben nicht mehr verschwinden. Aber die neue Rechtsform hat uns durch schwere Gefahren geführt. Denn in dem Augenblick, wo eine Ware beschlagnahmt war, hörte die Friedenswirtschaft auf. Wenn bei einem Metallindustriellen die Metalle beschlagnahmt waren, durfte er nicht mehr Friedensarbeit leisten, er war auf Kriegsaufträge angewiesen; er mußte seine Anlagen und Maschinen, seine Arbeitsmethoden und Produkte auf Kriegsarbeit umstellen, er mußte ein neues wirtschaftliches Leben anfangen. Es war eine furchtbare Belastungsprobe für die Industrien, vor allem der metallurgischen, der chemischen und der Textilproduktion.
In jenen schweren Wochen Ende letzten Jahres, als die Verfügungen erlassen waren, kamen meine Kollegen von der AEG zu mir und sagten: »Wissen Sie, was Sie gemacht haben? Das kann für uns 60 000 brotlose Arbeiter bedeuten.«
Es ist gegangen. Zwei Monate lang haben wir der Industrie noch gewisse Freigaben zugestanden, wenn auch schweren Herzens; denn wer konnte wissen, ob nicht die Tonne Salpeter, die hier freigegeben wurde, bei einer belagerten Festung oder bei einer Schlacht einen Ausschlag geben würde. Irgendwo muß man Verantwortungen übernehmen, und wir haben es getan.
Nach zwei Monaten war die Umstellung unserer Industrie vollzogen. Die deutsche Industrie hat diese Neugestaltung bewirkt, ohne davon zu reden, ohne einen Zusammenbruch, schweigend, großzügig, selbstbewußt, mit höchster Tatkraft und Schaffenslust. Das, meine Herren, ist ein Ruhmesblatt der deutschen Industrie, das niemals vergessen werden darf! Weder Frankreich, noch England, noch die Vereinigten Staaten, noch irgendeine der feindlichen und halbfeindlichen Nationen macht das nach.
Das war der Begriff der Beschlagnahme; ihre Wirkung war die wirtschaftliche Umstellung. Und nun komme ich zum zweiten Werkzeug.
Wir wußten, daß diese Wirtschaft neu geboren werden mußte, wir wußten, daß sie nun in irgendwelcher neuen Form ihr Material verteilen und bereit halten mußte. Wie sollte das geschehen?
Der Heeres- und Marineverwaltung mußte die volle Freiheit gewahrt werden, ihre Aufträge dahin zu geben, wo sie wollten; wir konnten keiner Behörde sagen: wir schreiben euch vor, wo ihr eure Bestellungen zu machen habt. Auf der anderen Seite mußte derjenige, der nun der Beauftragte der Behörde geworden war, das Material bekommen, das er brauchte. Es mußten Organismen geschaffen werden zum Aufsaugen, Aufspeichern und zum Verteilen dieses Warenstromes, der in einer neuen Bewegungsform und mit neuen Zufuhren durch die Adern des deutschen Verkehrs rollte. Da mußte abermals ein neuer Begriff entstehen, der Begriff der Kriegswirtschafts-Gesellschaften. Heute ist das eine Sache, von der man wie von einer altererbten spricht. Viele dieser Kriegsgesellschaften sind in aller Munde; man kennt sie und empfindet sie als ein längst Gegebenes. Aber das Paradox ihres Wesens schien so groß, daß selbst in unserem engsten Kreise, der sonst in großer Einhelligkeit unsere Maßnahmen durchdachte, eine Spaltung über die Möglichkeit und Durchführbarkeit dieser Schöpfung entstand.