»Bruder,« unterbrach ich ihn, »du glaubst doch nicht, daß ich in dieser Kutte dauernd bleibe?«

»Warum nicht? – Komm her, hilf mir das Böcklein braten, wir haben uns viel zu erzählen.«

Ich fachte das Feuer wieder an, er weidete mit geübten Schnitten das Wild aus, spießte den Rücken an seinen Stab, und wir drehten ihn über den Flammen, darob der Himmel licht und blau den hellen Morgen kündete. Die eintönige Beschäftigung tat unseren verwirrten Herzen wohl, die Fülle der letzten Stunden war reicher als all unser verflossenes Leben gewesen; wir schwiegen und ließen den tollen Wirbel in uns ermatten. Mählich forderte der Leib sein Recht, wir waren hungrig und durstig. Der Bastardherzog wies mir eine Quelle und gab mir auf, in seinem Becher Wasser zu holen. Leicht wie eine Bitte kam ihm der Befehl von den Lippen, der mich doch inwendig traf und gegen den, selbst wenn ich gewollt hätte, kein Wehren war.

Erst an dem Wässerlein ward mir die Bedeutung seiner hochgezogenen Brauen klar, denn da lagen Seifennapf, Schermesser und wüste blonde Barthaare – das abgetrennte Klosterleben für ihn, wie ich meinte; für mich der Abschied aus Rang und Heimat. Nun ergriff es mich doch einen Herzschlag lang, ich zitterte, das Meinige zu verlieren, obzwar ich es bereits verloren hatte.

Der kühle Erdsegen brachte mich rasch zur Besinnung, ich schöpfte und trank ohne Maß, denn ich glaubte dies die letzte Quelle, daraus die Heimat mich fürder laben könnte. Endlich ward ich ruhig und brachte den randgefüllten Becher, ohne einen Tropfen zu vergießen.

Der neue Herzog griff in meine Kutte, zog ein Säcklein mit Salz hervor und würzte den Braten; wir aßen, und ich mußte ihm während des Mahles im großen und kleinen berichten, wie ich meine Tage verbracht hatte, wie meine Freunde und Feinde hießen, welcher Art meine Burgen und Gemächer waren, was mir im Leben Wichtiges begegnet – genug, die ganze Äußerlichkeit, Leere und Schalheit meines Daseins mußte ich bis in die geheimsten Dinge vor ihm aufrollen. Mitunter schielte ich wie ein ertappter Bube nach seiner Stirn, aber er nahm das Üble wie das Farblose gelassen hin und prägte es seinem erstaunlichen Gedächtnis ein. Bei manchen Dingen winkte er ab, er wisse es schon, so daß ich des Glaubens wurde, er habe sich mehr um die Vorgänge in meinem Lande gekümmert als ich selbst und alle um mich her.

Das Mahl war längst vergessen, die Sonne hoch am Himmel, er konnte nicht genug hören. Schließlich, da die Nachmittagswinde vor dem Abend flogen und über uns rauschten, sprach er:

»Hör mich ab, Bruder, oder noch besser: laß dir wiederholen. Kein falsches Wort! An diesen Dingen hängt unser Herzogtum.«

Er wiederholte, und ich erstaunte von Satz zu Satz über diese schier unfaßliche Klarheit, mit der er ihm und seinem Leben so fremde Dinge erkannte, ordnete, zusammenfaßte. Er war in mir zu Hause, er war – ich selbst. Ich schauderte, ausgelöscht zu sein und dennoch weiterzuleben, plötzlich als untätiger Beobachter neben mir zu stehen, ohne Verantwortung, ohne Segen, ohne Fluch. Ohne Verantwortung? War dieser falsche Herzog nicht mein Werk? War nicht alles, was er handelte und trieb, meine Tat? Zum erstenmal dämmerte mir etwas wie Rechenschaft, aber ich trug die Bürde fröhlich wie ein Gnadengeschenk, denn dieser zufällige Sproß meines Vaters war besser als ich.