Wollend oder nicht, ich mußte Messe lesen, Beichte hören. Es kam mir nicht zum Bewußtsein, daß ich Gott lästerte, indem ich das selbstgebackene Brot in seinen Leib, den Feuerwein von Ravello in sein Blut wandelte; viel schwerer wog meine Furcht, von den Menschen entdeckt, entlarvt, verworfen zu werden. Aber sie knieten alle andächtig um mich her, keiner ahnte Betrug, jeder ward getröstet am heiligen Wort.

War es Sünde? Einst, du Ewiger, wirst du es mir künden. Einen wußte ich, der gläubig war und voll bitterer Reue genoß, das war mein eigenes sündiges Herz.

Was den edlen Herrn von der Wilze aus seiner niedersächsischen Heimat fortgetrieben hatte, erfuhr ich nicht. Er hatte sich den Deutschherren gelobt und harrte drüben auf Feld und Pflicht. Er stand mitunter bei mir, erzählte von den verwirrten Zeitläuften in Deutschland, dem verbissenen Ehrgeiz Heinrichs des Löwen; und aus all dem leuchtete ein ehrlicher, tapferer Mut, so daß er mir lieb wie ein Bruder wurde.

Wie nebenbei fügte er eines Tags mit gepreßter Stimme hinzu:

»Vater Ronald, ich bitt Euch, habt meines Weibes ein wenig acht; sie hat die Gabe des Fernsehens und quält sich in zweckloser Trauer.«

Er drückte mir hastig die Hand und ließ mich allein, mit streitendem Gemüt. Beim Nachdenken fiel mir bei, wie sich Frau Gertraude mir absichtsvoll entzog und dennoch häufig ihr Auge fragend und fast erschrocken auf mich richtete. Was ich von ihr wußte, war, daß sie bestimmt niemals meinen Weg berührt hatte. Ihre Träume oder Gesichte verbarg sie vor mir, doch das Geheimnis flößte mir eine dunkle Scheu ein, ich konnte sie nicht bezwingen, als ginge ein Teil ihrer Kümmernis mich selber an.

Wir hatten Kreta hinter uns und näherten uns der Küste von Jerusalem, als der Wind mit einmal schwieg und wir mit schlaffen Segeln hilflos in der sommerlichen Schwüle lagen. Es ging der Nacht zu, aber in der Ferne des Himmels hockte ein schwefelgelber Schein, der keiner Dunkelheit weichen wollte und mit seinen gezackten Rändern einem Rachen mit glühenden, drohenden Zähnen glich.

Der Patron der Kogge stand mit verkniffenem Munde am Bugspriet und starrte auf die unheimliche Ebene des Meeres, die, geschmolzenes Blei, an den Planken klebte und einen unerträglichen Modergeruch ausströmte.

»Ihr kennt dies Gewässer, Meister Bornhövt,« versuchte ich ihn leichten Tons, »mich deucht, ein Wetter kommt herauf.«

»Bei allen Teufeln!« schrie der Patron und verzerrte sein Gesicht fürchterlich. Er zitterte am ganzen Leibe vor Aufregung, der Schweiß rann ihm über die rote Stirn. Er zuckte zusammen, sah sich mißtrauisch um und packte mich bei der Kutte. Heiser stieß er aus der Kehle: