Stunden um Stunden rannte die Kogge unter der flammenden Peitsche des Gewitters mit ihrem zuckenden Inhalt dahin, es war, als stünde der Himmel meilenweit in Lohe. Das Wimmern war verstummt, das Schiff schien nur Tote zu fahren. Die beiden Masten waren längst über Bord gefegt, zehn, zwölf brave Lübecker, die beim Kappen der Taue von einer Sturzsee erfaßt wurden, trieben irgendwo in der Nacht.
Mit einmal geschah ein furchtbares Krachen, ein Stoß, als stießen wir auf Fels, das Schiff barst langsam mitten auseinander, geisterhafte Menschen wimmelten in seinen Eingeweiden, die Kajüten auf Deck zerfielen wie Zunder, Männer rollten mit stieren Blicken über steile Wände in die See, ein einziger Schrei quoll aus der sterbenden Kogge. Ich sah das Bugspriet durch die Luft segeln und in die Finsternis gleiten, mit einem jagenden Gedanken stürzte ich dem Holze nach in den Höllenstrudel. Kreisende Trichter sogen mich hinab, wütende Stöße warfen mich empor, aber ich fing, ich fing den Baum und hing und taumelte und wirbelte mit ihm besinnungslos vor Glück über Todesgründe. Und plötzlich ein weißer, leuchtender Leib vor mir, eine Welle schleuderte ihn in meine Faust, ich hielt den schönen Kopf der Edelfrau an seinen blonden Haaren hoch über Wasser und bettete ihn auf den Baum.
Gott schickt mir ein Zeichen! hämmerte mein Herz in einem fort, Gott will mich nicht verlassen!
4
Fahle Dämmerung, schnell und grell darauf der Tag; wir trieben allein auf der öden See, kein Segel, kein Land. Sie war noch nicht von ihrer Ohnmacht erwacht, aber ich fühlte ihren leisen Atem. Ihre Hand umklammerte meinen Arm, dicht vor meinem Munde lagen die weißen schmalen schmucklosen Finger. Ihr dünnes Hemd klebte am Leibe, die schlankem kräftigen Formen traten klar hervor.
Was wollte Gott von mir? Sicherlich, wir waren die einzigen Geretteten der lübischen Kogge.
Gerettet? Ach, wir lebten, und wo wäre ein Leben ohne Hoffnung! Noch wogte die See erregt und gepeitscht, aber der Regen war vorüber, die Blitze verflogen. Wir trieben ohne Anstrengung an dem Holze, die Kraft meiner Fäuste war ungebrochen. Jedoch bald begann ich sie um ihre Ohnmacht zu beneiden, denn ein Durst plagte mich, den ich kaum bezwingen konnte. Wie die meisten der Armen auf unserem Schiff hatte ich meine irdische Habe bei mir; das umgeschnallte Ränzel lächerte mich fast. Es stak eine zinnerne Flasche mit Wein darin, doch ich konnte sie nicht erreichen, ohne Gefahr zu laufen, Frau Gertraude zu verlieren, und aufs neue setzte mich das Schicksal mitten in einen Kampf, dessen Schlachtfeld meine Seele war. Ich suchte meine gierigen Sinne abzulenken, indem ich das marmorstille Antlitz betrachtete. Linie für Linie lernte ich es auswendig und prägte es meinem Herzen ein, den ranken Ansatz des Halses, die Goldkette mit dem Braunschweiger Löwentaler, die zarten Hügel der Brust – ich ermattete mich mit Schwimmstößen, ich schloß die Augen, aber der Durst knechtete mich und würgte mir die Kehle, daß mir das Blut von den zerbissenen Lippen rann. Gierig schlenkerte ich die roten Tropfen im Munde umher, vergebens. Glühende Bilder tanzten vor meinen Augen, ich fühlte meine Kräfte nachlassen.
Rief wer? Die taumelnden Sinne rafften sich noch einmal auf, die Blicke flackerten über die Wogen – ein Segel, seltsam geformt, ein Schiff mit voller Leinwand, riesig und dunkel gegen das Licht, stürzte auf uns ein. Ich sah einen tollen Wirbel fletschender Zähne und schwarzer Gesichter, ein Tau sauste auf mich nieder, ich griff es, packte Gertraude, ich flog mit ihr jäh in die Sonne. Arme streckten sich, ein Schlag donnerte dumpf auf meinen Schädel, und wie ein Stein schoß ich wieder in die Tiefe, allein, unendlich einsam, erlöst.
Die Sinne fielen von mir ab.