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Ob die Wogen, ob Menschenhände mich ans Ufer trugen, ich hab es nie erfahren. Genug, Brüder vom Deutschen Orden fanden noch Leben in mir und schleppten mich mit gen Jerusalem. Neun Tage darauf erwachte ich aus wirren Fieberträumen, sah mich auf reinlichem Lager in einem hellen, freundlichen Gemach. Ein greises Antlitz schaute mich wehmütig an, seufzte und siegelte die Lippen mit dem Finger. Eine Schale wurde mir gereicht, die ich durstig leerte; übermüdet schloß ich die Augen und versank sogleich in tiefen Schlummer.

Anderen Tags war meine Stirn klar, die Erinnerung brachte das Verlorene wieder, ich atmete die Luft des Lebens beseligt ein. Ich bemerkte, daß der alte Mann sein Lager neben dem meinen aufgeschlagen hatte; er erhob sich, als er mich munter sah, wusch mir Gesicht und Hände und holte den Morgenbrei für uns beide. Es war ein weltlicher Bruder des Ordens, ein Edler von Burgberg, und seine traurige Stimmung erklärte sich mir bald: er war der Vater Gertraudens, von der in meinen Fieberreden schreckhafte Bilder flatterten. Ich tröstete ihn, wie ichs vermochte, ich schwor, sie sei lebendig an Bord eines Schiffes gelangt, jedoch er schüttelte verzagt den weißen Kopf.

»Besser tot als in der Gewalt der Heiden oder gar –« er verschluckte einen Fluch und preßte die Faust stöhnend an die Brust.

»Besinne dich! Besinne dich!« rief er ein über das andere Mal, »waren nur Heiden an Bord? Sahest du keinen Kreuzeswimpel über den Masten?«

Ich ahnte, welche Antwort seine Vaterangst begehrte, und selbst wenn ich ein Kreuz gesehen hätte; ich würde es ihm verschwiegen haben.

»Gut, nur gut!« murmelte er. »Alles, nur keine Templeisendirne!« Seine heißen Augen trafen mich: »Ich bin dir Dank schuldig, Ronald, du hast wahrlich deine letzte Kraft darangesetzt, mein Kind zu retten. Daß es so gelang, hat Gott beschlossen; gesegnet sei sein unerforschlicher Wille. Aber zu dir –«

»Herr,« unterbrach ich ihn beschämt, »Ihr seid mir nichts schuldig; ohne Euch dörrte ich jetzt im Ufersande.«