Befehle schollen, das Lanzenvolk wurde in dichter Hecke vor uns aufgepflanzt, Wolken feinen Sandes wirbelten auf, leise schütterte der Boden von zahllosen Hufen. Ein Schauer überfiel mich – Angst? Nein, nackte, gemeine Blutgier, unstillbar, höllenheiß, aus mörderischem Herzen geboren. In starrer Hand hielt ich den Schwertgriff, wollte keinen anderen Feind sehen als ihn, der mich arm gemacht, und hatte doch Heimat, Weib und Räuber vergessen, als das Gewühl um mich wogte und ich, unwissend wie, mitten im Kampfe stand und für mein Leben um mich schlug. Das war ein ander Ding als ein Turnei in sicherer Rüstung. Wie Heuschrecken wimmelten die Heiden auf blitzschnellen Rossen um unsere längst abgetrennte Schar; aber wir hielten uns wacker und trieben einen Keil in die Woge, daß sie blutig zerschäumte. Atemlos spähten wir über das donnernde Feld nach Hilfe; da brauste es abermals über uns her, wir schmolzen zusammen, hin und her gezerrt, wurden immer weiter abgedrängt, zerrieben, wußten nichts von den anderen, nichts von der Schlacht, kämpften blutbesudelt und ermattet gegen den gewissen Tod.
Plötzlich ein gellender Pfeifenton, die braunen Teufel stutzten, rissen die Gäule herum und schossen aus dem Tal; zitternd vor Müdigkeit starrten wir ihnen nach, glaubten nur an eine neue große Not. Da klomm ein Roß über die Mulde, der von Burgberg ritt langsam heran, bleich, mit geschlossenen Lidern, den weißen Ordensmantel purpurn und zerfetzt. Er hielt gerade vor mir, als führte ihn ein Unsichtbarer, schlug die Augen auf, die schon im Tode brachen, und lallte:
»Sieg!«
Krachend stürzte er aus dem Sattel; niemand fing ihn auf, wir waren alle wie gelähmt. Mit stumpfen Knien trat ich zu ihm und sah in seinen Augen das Ende. Der Hengst schnupperte aufgeregt über dem Leichnam und erinnerte mich an die Stunde. Sonder Umsehens sprang ich in den geleerten Sattel und sprengte den Hügeln zu, den blutigen Zweihänder wie eine Todesflamme in der Faust. Ein Blutrausch kreiste durch meine Adern, in meinem Herzen schrieen tote Jahrhunderte, ich fühlte in rasender Lust: Rossesrücken ist mein Haus, Schlacht ist meine Heimat, Schwertschlag meine Freude. Ich sah die fliehenden Horden ostwärts stürzen, hieb dem Pferde die flache Klinge über den Schenkel und stürmte hinterdrein, als gälte es ein Königreich. Junge Kraft rann mir durch den Leib, ich genoß, und stünde der Tod mit mähender Sichel hinter mir, ich genoß mit langen Atemzügen die schwingende Lust des Rittes und dachte an keine Müdigkeit.
Grau fiel mich die Steppe an, lauter donnerten die Hufe vor mir an mein Ohr, enger ward der Raum zwischen Jäger und Wild; jetzt lag ich Seite an Seite mit einem angstverzerrten Bronzekopf, ich schlug ihn mit der bloßen Faust aus den Bügeln, und weiter. Sie achteten endlich meiner, sie merkten den Einzelnen, wendeten blitzschnell und schlossen sich zu sieben oder acht zusammen, ihre raschen Wüstengäule schossen wiehernd um mich her; Pfeile und Speere sausten, keiner traf. Keiner traf den Mann, der leben mußte, um zu rächen! Bei meiner Seele, ich glaubte in dieser Stunde an ein Zeichen Gottes; es war auch eins, aber ich deutete es falsch.
Einer der Heiden schien den Befehl zu führen, er saß auf einem herrlichen Rappen, golden schimmerten seine Waffen, vom Helm wallte ein edelsteingeschmückter Schleier über seine Schulter.
Greif dir den und reite zurück! raunte eine Stimme in mir. Die Beute heißt Überfahrt mit Mann und Roß; in zwei Monden kannst du schon in der Heimat sein, und dann –
Mein armes Roß bäumte sich hochauf unter dem grausamen Hieb, es flog mit pfeifendem Stöhnen über die Grasnarbe; sechs Sarazenen blieben zurück, der vornehmste aber ritt spielerisch vor mir her, von seinem adligen Tier wie auf Flügeln davongetragen. Plötzlich riß er das Roß mitten im Jagen herum, eine Lanze fuhr aus seiner braunen Faust und traf mich mitten auf die Brust.
Der Atem blieb mir weg, Erde und Himmel kreisten vor meinen Augen, eine dünne Schlange zischelte über meinem Kopf, schnürte sich um meine Arme; rasend sprengte der Rappe im Kreise um mich, enger und enger, und jeder Kreis war eine lederne Fessel um meinen Leib, bis ich, ein hilfloses Bündel, über einem fremden Sattel lag.