Gott hatte mich ganz verlassen.

Die Glieder schienen mir abzusterben, das Blut füllte meinen tief herabhängenden Kopf zum Zerspringen mächtig, Jammer und Ekel wuchsen größer als mein zorniger Mut. Große Dinge mußte die Vorsehung mit mir vorhaben, daß sie mich also hart prüfte; jedoch dieser Gedanke, in bitterer Verzweiflung geboren, gab mir keine Hoffnung. Um mein Schicksal hegte ich keine Furcht, mochte es Tod oder Sklaverei heißen; aber eben jetzt, da ich noch eine Aufgabe auf Erden hatte, abgerufen zu werden, konnte ich Gott nicht vergeben. Es erschien mir als das ärgste meiner seltsam vielfältigen Leiden, wie denn immer die letzte Folter am schwersten zu ertragen ist.

Eine gute Weile ritten die Heiden, was die Pferde gaben; dann ging es sorgloser dahin, und ich merkte an ihrem Gehaben, daß die Verfolgung zu Ende sei. Konnts auch denken, denn Rainald von Chatillons geringe Reiterschar durfte sich nicht von der Masse des Fußvolks lösen, ohne in Gefahren zu laufen. Bald waren wir mitten im Gewühl, ich wurde auf ein ledig Roß gehoben, die Füße wurden unterm Sattelgurt verkettet, und weiter ging es bis spät in die Nacht. Saladin schien den Kampf völlig aufzugeben; die paar Brocken der Heidensprache, die ich aufschnappte, belehrten mich über den Umfang seiner Niederlage, und trotz allem pochte mein abendländisch Herz höher.

Meiner Körperkraft zu Ehren blieben mir die Arme an den Leib gebunden, auch als der Trupp zur Nacht absaß. Ich wurde wie ein Bündel alter Kleider auf die kalte Erde gelegt, und bald schlief alles ringsum bis auf die Posten, deren Lanzeneisen ich von weitem im Mondenlicht blitzen sah. Mich dünkte, ich war des Sultans einziger Gewinn vom Tag bei Askalon, und ein Lachen kam mich an ob solcher elenden Beute.

Der Schlaf mied mich, denn wie ich mich auch wälzte, die Riemen schnitten schmerzhaft in mein Fleisch und gönnten mir die Ruhe nicht. Ich überdachte die Reden der Sarazenen, soweit ich sie verstanden hatte, und glaubte über meinen Bewältiger klar zu sein: es war der Emir von Bachara, offenbar ein Mann von höchstem Ansehen und Reichtum. Mich kümmerte das vorerst wenig, ich gedachte seiner nur, um meine gequälten Sinne zu beschäftigen und abzulenken.

In der Frühe jedoch trat er auf mich zu, ein hochgewachsener, schöner Mensch im kräftigen Alter, blickte kühl auf mich nieder und sagte zu meinem höchsten Erstaunen auf deutsch:

»Du kommst nach Bachara, Christ. Versprich, unterwegs nicht zu fliehen oder sonst gewalttätig zu sein, dann bist du der Fesseln ledig.«

»Es sei,« erwiderte ich spottend, »habt keine Furcht!«

Der Emir hörte dies unbewegten Gesichts, nur ein Winkel seines Mundes schien zu zucken. Er winkte, die Riemen fielen ab. Aber die Knechte mußten mich in den Sattel heben, ich konnte nicht einmal auf den Füßen bleiben.