»Der Händler wirbelte unter meiner Faust in die Zelttücher; ein Beutel Goldes, der für all seine Ware ausgereicht hätte, machte ihn wieder zahm. Eine Stunde später führte eine Sänfte sie inmitten meiner Krieger nach Bachara. Und dies war alles, was der Korsar von ihr wußte: Er hatte sie an einem Holze treibend nahe der Küste gefunden; ein riesenhafter Mönch hielt sie umklammert, faßte das rettende Tau. Aber indes die Räuber ihren Fund packen wollten, schlug der Retter mit dem Kopf an das Schiffsbord und versank; die weiße Frau war geborgen. Du warst es, Ronald, und nun hast du abermals in die Fäden meines Lebens eingegriffen, mir zum Heile schickte dich Gott aus deinem Abendland.«
Ich wußte nichts zu antworten. Ihm, dem Ungläubigen, zum Heile sollte Gott mich von meiner süßen Liebe gerissen haben? Wie würde der Emir sprechen, wenn er meine Geschichte erführe? Aber nimmer würde das sein.
»Ich vertat den Rest des Tages in Damaskus und machte mich in der Nacht mit wenigen Begleitern nach Bachara auf, in langsamem Trabe reitend, denn ich wollte die Sänfte nicht einholen, wußte jedoch keinen Grund für solche Zagheit. Daß jene weiße Frau mehr als je ein Mensch mich beeinflußte, wollte ich mir nicht eingestehen, und doch lag es klar in meinen Taten: nie hatte ich kläglichere Beute aus Damaskus heimgebracht. Ich wütete gegen mich selbst und suchte mit rohen und gemeinen Vorstellungen die Stimmen der Wahrheit zu übertäuben. Zu meiner Lust hatte ich die Fremde gekauft, eine von vielen war sie und sollte sie bleiben. Gleichviel, alle Gedanken gingen nach ihr, die Hufe pochten ihr Bild aus der Steppe, die Sterne verblaßten vor ihren Märchenaugen. Ich verfiel ihr, je näher wir Bachara kamen, und mit einem Gefühl halb Trotz, halb Furcht ließ ich sie zu mir rufen, kaum daß ich mir Bad und Nachtmahl gönnte.
»Schon ihr Anblick entwaffnete mich. Entgegen meinen gemessenen Befehlen trug sie ihr verschlissenes Linnen, trug es wie steinbesäte Seide. Sie berührte nicht den Boden mit ihrer Stirn, kaum merklich neigte sie ihr Haupt und sah mich mit den ernsten, tiefen Augen an, daß mir Zorn und Angst die Kehle zuschnürten. Endlich ermannte ich mich, ergriff sie beim Arm und zog sie neben mich, weiß nicht mehr, mit welchem rohen Wort, denn ich wollte sie und ihren Stolz verwunden. Sie verstand mich nicht, nur zu natürlich; außer ihrem Deutsch wußte sie nur wenige Worte der Lingua Franca, und darin tat sie mir kund, immer noch meinen Blick mit ihren Augen festhaltend: ›Es ist uns nicht beschieden, Emir.‹
»Ich wußte sehr wohl, was sie meinte, und so ungezwungen stellte sie sich neben mich, daß jede herrische Lust mich verließ und keine Waffe gegen ihre Art mir in Händen blieb, außer der Überlegenheit der männlichen Kraft. Nun mußt du wissen, Ronald, daß unglückliche Verkettungen die lasterhaften, grausamen, tierischen Seiten meines Wesens besonders gefördert hatten; aber unter den Augen dieser seltsamen Frau sprang Saft in die verdorrten Äste, trieben junge Wurzeln in heilige Gründe, blühte in mir das Ebenbild Gottes. Solches begann auf dem Markt zu Damaskus und hörte nimmer auf. Noch schlugen die Wogen der Leidenschaft hoch, als ich sie an mich riß, doch ihre wenigen Worte beschworen den Sturm, und wenn ich Beschämung verspürte, so gewiß nicht wegen meiner Niederlage. ›Wir haben uns etwas zu sagen,‹ fuhr sie fort, angestrengt nach den Worten suchend und nichts von Triumph verratend, ›doch es wird Zeit brauchen, da es keinen Dolmetsch verträgt. Ich bitte dich, laß mich nicht fürder bei deinen Dirnen hausen, sondern gönne mir ein Gemach in deinem Palaste, wo mein Schlaf nicht von der menschlichen Schande entehrt wird.‹
»Sehr verlegen und mit geröteten Wangen sann ich auf Antwort; fast kam mir ein Bedauern, diesen unbequemen Willen zu Gast zu haben. Ich bedeutete ihr, daß viele Augen auf mich gerichtet seien, und ich sonderlich in Frauendingen nicht tun könne, was ich wolle. ›Warum nicht?‹ fragte sie kühl dawider. ›Doch sei dem wie immer: hier in deinem eigenen Gemach bist du doch Herr, Emir von Bachara, und darfst mir wohl ein ehrenhaftes Lager neben dir gönnen.‹
»Eine flüchtige Glut streifte ihre Stirn und verschönte sie, daß mein Herz in hellen, reinen Flammen stand. Ich erschauerte in dem ungekannten Feuer, darin alles Unedle hinwegschmolz; eine Silbersaite klang in meiner Brust und schwang einen klaren Ton in die Sterne, die durch unser Fenster schienen. Meine unruhigen Hände dürsteten nach Beschäftigung, ich häufte ihr ein Lager aus herrlichsten Seiden; voll Zutrauen legte sie sich nieder und entschlummerte übermüdet, ihre regelmäßigen Atemzüge durchzogen das Zimmer wie sanfter Taubenflug.«
Emir Jussuf seufzte verhalten, dann füllte ein Lächeln seine strengen Mienen mit Milde. Ich fürchtete, er wolle seine Erzählung unterbrechen, und zupfte ihn ängstlich am Kleide. Er drückte mir beruhigend die gesunde Hand.
»Freund, meine Geschichte ist nicht lang, du sollst sie noch in dieser Stunde zu Ende hören, soweit sie ein Ende hat.«
Dies Letzte fügte er leiser hinzu, wie für sich, und sah mit hoffnungsheißen Augen über mich weg in das wolkenlose Blau des Himmels. Ich verstand ihn erst sehr viel später, und ach, das Ende seiner Geschichte lag, wie der Anfang, in meinen unglückseligen Händen.