Ich ärgerte mich trotz allem inwendigen Lachen, daß mir ihr Gesicht entgehen sollte; aber jetzt, da die beiden auf der Mauer saßen, löste sich der Schleier zum Abschied, und ein roter Mund bot sich dem Beneidenswerten zu einem langen Kuß.
Wie eine Sturmglocke schwang das Herz in meiner Brust. Es war Sobeide.
15
Was zwischen zwei Atemzügen durch meinen Kopf ging, verschmolz in einer kalten Mordlust. Was rührte mich dieser Bastard? Er mußte sterben! Über ein halbes Menschenalter hatte der einzige Freund, den ich auf Erden besaß, seine Sehnsucht in verschwiegenem Busen getragen, damit ein hergelaufener Bube mit seiner hübschen, frechen Larve ihn um sein Eigentum betrog – er mußte sterben! Ihn davonzujagen hieße ewige Trauer in das Herz der verführten Unschuld pflanzen, nur das Grab setzt Lust und Jugend ein Ziel; er mußte sterben. Ungeheures wollte Gott von mir, damit ich meine Freundschaft beweise: den Sohn der Frau, die ich geliebt hatte und noch immer liebte, sandte er in dies ferne Land zum Opfer meiner Treue, den Erben meines Landes hieß Gott hinschlachten um der glücklichen zehn Jahre willen, und diesmal wollte ich meinem Schicksal männlich entgegengehen.
Darauf, so beschloß ich, nähme ich das Kind bei der Hand und geleitete es in den Garten an die Stelle, da ich ihn verscharrt haben würde, und also spräche ich zu ihr: Hier liegt einer, der eine deiner Gespielinnen mit dreisten Reden zur Zuchtlosigkeit verlockt hat. Er hat seine Strafe; forsche du der Dirne nach. Und damit du ein größeres Frauenrecht hast, wollen wir deine Hochzeit mit Jussuf auf den Neumond festsetzen.
So würde ich sprechen, und Jussufs Herz sollte von all dem unberührt bleiben. Wenn nicht der Bursche ihre Ehre beleidigt hatte; und dies mußte ich wissen. Ich zog mich in die Hütte zurück und barg mich in den Schatten, den blanken Dolch in der Faust. Seine sorglosen Schritte schollen über den Rasen, er pfiff eine sanfte Weise vor sich hin und zog die Vorhänge auf. Dann löschte er das Licht und ließ den Mond auf die kahlen Wände scheinen; träumerisch saß er am Fenster, das blonde Haupt von silbernen Liebesflammen umkränzt; nicht um mein Leben hätte ich ihn so erschlagen können. Mit einem Sprung stand ich vor ihm und packte ihn beim Handgelenk. Er erkannte mich sofort und tat eine kaum merkliche Bewegung.
»Alterchen, ist das eine Zeit, die Leute heimzusuchen?« fragte er gelassen und sah mich forschend an, ob ich von seinen Taten wüßte. »Und was willst du mit meinem Arm, Väterchen? Du meinst doch nicht, mich halten zu können!«
Er versuchte eine Befreiung, merkte den Widerstand und nahm all seine Kraft zusammen.
»Mein Gott, was seid Ihr für ein Goliath!« keuchte er, vor Unwillen und Anstrengung feuerfarben. »So laßt mich doch und sagt endlich Euer Begehren!«