Harald, der mein Roß führte, hielt an und sagte zu Sobeide:

»Dies ist unsere Heimat, Liebe; sieh die Herzen, die mein Vater ehemals in den Baum geschnitten. Ich hätte Lust, auch unseren Bund hineinzuschreiben. Halt die Zügel und verzieh ein Weilchen.«

Drauf sprang er ab und begann seine Arbeit. Sobeide mochte es zu lange dauern, daß ihr Eheliebster ein paar Schritt fern war, sie glitt aus dem Sattel und stellte sich neben ihn, und plötzlich wich der Schleier von meiner Seele, ich starrte auf das Bild und sah zwei, die vor zwanzig Jahren die alten Herzen hineingegraben hatten, jung, schön, glücklich gleich jenen. Wie Geierflug raste mein Leben an mir vorüber, klar und hart wie ein Wintertag, und abermals hielt ich an der Grenze meines Herzogtums, ein zerfetzter, schuldbeladener, armseliger Greis. Hinter mir lag die Reisezeit gleich einer dunklen Lücke, ich ahnte, daß ich krank gewesen, ich fühlte, daß ich genesen sei.

Zu rechter Zeit, gewiß um keinen Tag zu früh, denn der Abend schon würde mir ein Wiedersehen bringen, schlimmer und tödlicher vielleicht als alle Kämpfe meines Daseins. Das flog durch meinen Sinn, ohne mich mehr als flüchtig nur zu rühren, denn mein Herz lag, kaum erstanden, in anderen Banden, die ich nie und nimmer so mächtig geglaubt. Ich sah den Himmel mit den wunderbaren Wolkenschlössern, die ruhvoll im Blauen schwammen und immer neu erwuchsen, ich atmete den Duft der Heimaterde, stark und lenzgeschwellt, mir war, als senke meine Seele selige Würzlein in die Scholle und begrüße Krume, Wurm und Wasser und sauge sich voll von dem lebendigen Blut, durstig und dankbar wie ein Kindlein an mütterlicher Brust.

Heimat, Heimat, ehe der Abend über mein Schreibwerk hereinbricht, will ich deiner gedenken, du Heilerin der Qualen, Trost im Elend, Treueste der Treuen! Deine Kinder treten dich mit Füßen, aber du vergißt ihrer nimmer. Du warst bei mir in der dürren Steppe, und ob ich deiner kaum gedacht, du warst es doch, die meine Träume füllte. Heimat, Heimat, dich hab ich behalten von allen Gütern, dich allein hab ich geliebt, ob ich dich auch hundertmal verriet, gehemmt von Leidenschaften und Wünschen. Du lebtest in allen, die mein Herz besaßen, und nichts war außer dir als toter Sand.

Ja, ich war genesen und sah mit einem inwendigen Lächeln dem Ende dieses Tages entgegen. Die Kinder merkten verwundert, wie ich verständig in ihre Reden eingriff, und in halb zweifelnder Freude ließ sich Harald den Zaum meines Rosses aus der Hand nehmen. Jetzt erst drang mir auch die äußere Veränderung unserer Leiber in das Bewußtsein; die Kinder trugen abendländische Edelmannstracht und ich selbst eine neue warme Kutte. Unwillkürlich tastete ich an meinen Kopf – gottlob, sie hatten wenigstens mein schütteres Haar mit der Tonsur verschont.

Die zarte Dämmerung der Nordländer geisterte im Walde, die Stille ging wie ein träumendes Märchen neben uns. Sobeide verstummte in bänglicher Erwartung des Herzogspaares, denn Claraforte rückte näher. Plötzlich lag die Burg vor uns, steil aus einer Lichtung ragend, und der Mond darüber lief wie ein silbernes Wiesel durch die gezackten Wolkenwälder. Wortlos hielten wir an, gebannt von der großen Art dieses Bildes, von Erinnerungen und Hoffnungen überwältigt.

»Dies ist unsere Burg, Vater,« sagte Harald leise zu mir. Ich neigte den Kopf; Gottes Wege, Gottes seltsame Schicksale schlossen langsam ihren Kreis. Ahnungslos führte mein eigen Kind den Flüchtling in das Haus seiner Väter zurück, Frieden und Liebe schienen am Ende des blutigen Pfades zu stehen.

Wir waren, ein jedes aus anderem Grunde, tief bewegt und schämten uns der nassen Augen nicht. Sobeide war von ihres Mannes Seite gewichen und hielt sich neben mir, da wir den Burgberg hinanritten; sie scheute sich, hier sogleich als künftige Herrin aufzutreten, als müsse ihre Ehe von den Eltern erst bestätigt werden.

Herzog und Herzogin schliefen schon. Aber der Lärm der Diener, als sie den Jungherrn sahen, hätte Tote auferweckt; notdürftig bekleidet liefen die Alten herbei, seltsamerweise aus verschiedenen Richtungen den Saal betretend. Ich hatte Muße, sie beide zu betrachten, denn es dauerte lange, ehe die Reihe an mich kam. Der Augenblick, in wieviel Stunden herbeigesehnt, ging nüchterner an mir vorüber, als ich gewähnt hatte, schon glaubte ich entsetzt, Hoffen und Harren hätten meine Liebeskraft verbraucht. Ich kann nicht einmal sagen, daß ich nur Augen für Aleit gehabt hätte, Wesen und Haltung des Bastards fesselten mich fast ebenso stark. Trotz allem mischte sich keine Bitterkeit in den Gedanken, daß ich, der ich recht eigentlich der Mittelpunkt dieser seltsamen Heimkehr war, verlassen im Hintergrunde stand, ein müßiger Zuschauer, der gewiß war, aus den Kelchen überschwenglicher Liebe zum Ende den schalen Rest der Höflichkeit zu bekommen.