Keinen hatte das Alter verschont; Aleit war bleicher und zarter, silberne Fäden trug sie im Haar, ihr Mund war weicher, ihr Blick versonnener. Mir schien, ihr fröhliches Wesen wäre schwerer geworden, und da ich, mit unbewegtem Gesicht, die Narbe auf ihrer Stirn betrachtete, glaubte ich den Grund zu erkennen. Es war ein feiner Unterschied in der Art, wie sie Sohn und Tochter umarmte; blindlings, mit allen Kräften, zog sie ihn an ihr Mutterherz, nichts fragend, weder mit Worten noch mit Augen, nur dem Triebe folgend und beseligt von seiner Nähe. Auf Sobeide ruhte ihr Blick für einen Atemzug, dann erst schloß sie auch die Tochter in die Arme. Niemand bemerkte die Prüfung außer mir; aber als der Bastard, nachdem er den Erben von Claraforte rasch und wild an sich gepreßt hatte, sich zu Sobeide wandte, lag sein Auge auf ihr, als erforschte er ihr Blut bis in die fernsten Geschlechter, und das Kind senkte die Lider. Robert lächelte: dies Lächeln war wie eine zweite Larve unter dem anderen, harten, strengen Antlitz, das Furchen tiefer Leidenschaft durchzogen. Er war gewandelt, wandelte sich noch; die Jahre hatten ihn furchtbar mitgenommen, und – weh! – mein arges Herz triumphierte darob.
Sie saßen mit uns zum Mahle nieder, Harald zwischen den Eltern, Sobeide neben Aleit, ich neben dem Bastard, und nun erst faßten sie mich genauer, soweit die spärliche Beleuchtung es zuließ. Harald erzählte kurz von der Flucht aus Bachara, der Bastard neigte sich verbindlich zu mir und sagte:
»Wir sind Euch sehr zu Dank verpflichtet, ehrwürdiger Vater. Verzeiht, wenn wir Euch über den Kindern vergaßen, es war die Freude des Wiedersehens. Morgen steigt ein neuer Tag herauf, der Euch gehört.«
Aleit sah mich an, ihre Augen waren weit und klar; ich vermeinte, eine jungfräuliche Röte überzöge sanft ihre Wangen. Es war unmöglich, daß sie mich erkannte, und doch fühlte ich in ihrem Blick eine liebkosende Berührung.
»Vater Ronald,« begann Harald; der Bastard horchte auf und starrte mich an, zum erstenmal klang der Name deutlich an sein Ohr.
»Ihr nennt Euch Ronald?« fragte er heiser und sichtlich mit großer Anstrengung. Aleit zeigte keinerlei Bewegung, es ward mir klar, sie wußte nichts von dem bösen Handel. Dies richtete mich auf und gab mir Trost, ohne daß ich zu sagen vermöchte, warum. Rasch antwortete ich, bevor das Benehmen des Bastards ihr auffällig werden konnte:
»Herr, das ist eine lange Geschichte, und die Stunde ist vorgerückt. Für heut, daß ich ehmals Benediktus hieß und nun eines Toten Namen trage.«
Der Bastard atmete auf, Blut kehrte in seine Wangen. Er legte das Messer, daran seine unruhigen Hände spielten, mit einem Ruck auf den Tisch und fragte mit bewundernswerter Gleichgültigkeit:
»Eines Toten? Ich kannte einen Mönch Ronald, vielleicht ist es derselbe; sagt mir, ehrwürdiger Vater, wann ihn das Schicksal traf.«
»Er fiel, mit hoher Tapferkeit fechtend, bei Akkon, da Rainald von Chatillon den Sultan zum letztenmal besiegte. Seht, Herr, er führte treffliche Zeugnisse mit sich, die ihm größere Freiheit verschafften, als sonst Klosterbrüdern zuteil wird, und ich nahm sie zu eigen; Gott möge es mir verzeihen.«