»So zieht das Leben seine Kreise, Bruder; aber Gott behält die Fäden in der Hand. – Als ich zuerst in Claraforte einritt, war es Nacht geworden, der Regen rann wie heute. Die Burg lag still, wie es dem Hause des Todes ziemte, niemand begegnete mir auf den Gartenwegen. So sehr war ich von meinem Ziel beherrscht, daß ich auch nicht einen Wimperschlag daran dachte, irgendwer könnte mich erkennen und entlarven. Aber gleich die erste Begegnung schien verhängnisvoll zu werden, denn von diesem Manne hattest du mir nichts erzählt. Es war der Arzt des Priors von Vargan, der mich auf der Treppe grüßte und vertraut ansprach. Er meinte, der Himmel müsse alles zum Besten wenden, und mir schien, als wolle er mich über Aleits Tod trösten. Wortlos wollte ich an ihm vorbei und in die Kemnaten, doch er zog mich an der Hand zurück und flüsterte, ich solle sie nicht stören. Dies dünkte mich für einen Pfaffen, für den ich ihn hielt, allzu frech, ich gedachte deines wüsten Lebens und lachte ihn aus: ob denn auch Tote gestört werden könnten. Worauf jener seine Demut verlor und mich mit verächtlichen Blicken maß: ›Tote nicht, Herr, aber Lebendige. Und ob es Euch lieb ist oder nicht, ich will mit Gott Eure edle Frau erretten. Und Euer Kind, Herr.‹

»Du weißt, Bruder, ich hatte mich trefflich in der Gewalt, aber bei diesem Wort brachen mir die Knie weg, und ich sank an die Wand, im selben Augenblick die geänderte Lage erfassend. Als ich mich aufraffte, war der Arzt verschwunden, ich hätte auch keine Frage für ihn gefunden. Wie ein Dieb öffnete ich die Tür, hinter der Aleit lag, ein weniges und starrte in die Kammer, die ein matter Ampelschein erhellte. Endlich gewöhnten sich meine Augen, ich sah Aleit auf dem Ruhbett liegen, die Stirn in Linnen, die Hand wächsern bleich auf der Brust, die leise atmete. Zu ihren Füßen saß eine ihrer Frauen und strickte. Ich zog die Tür vorsichtig zu und ging in dies Gemach; einem Diener, der mir begegnete, befahl ich, den Haushofmeister zu rufen. Das war Wipold, jetzt deckt ihn auch schon der Rasen. Er war, wie du dich erinnerst, deinen Taten nicht sonderlich zugetan, ich bemerkte sogleich an seinen Blicken, wie sehr er mich verachtete.«

»Mich!« verbesserte ich den Bastard, der eigen lächelte.

»Da könntest du immerwährend nörgeln, Bruder, doch höre lieber. ›Wipold,‹ sagte ich zu dem Alten, ›glaubst du mir, wenn ich ein neues Leben anzufangen verspreche?‹ – ›Nein, Herr,‹ sagte Wipold messerscharf, ›es gibt nichts, bei dem Ihr nicht schon geschworen habt.‹ – ›Doch,‹ erwiderte ich grimmig, ›ich schwöre bei dem Leben meines ungeborenen Kindes.‹ Der alte Mann starrte mich zornig an, an seiner Schläfe schwollen die Adern. Aber doch mußte ihm an meinem Ton etwas aufgefallen sein, er wurde unsicher und stammelte: ›Wenn ich dies glauben könnte, Herr, ich wäre der glücklichste Mann im Wählingerlande.‹ – ›Du kannst es glauben, Alter,‹ versetzte ich, sah ihn ernsthaft an und griff nach seiner zögernden Hand, ›diese Tage haben mir die Augen weit aufgetan. Du wirst hier keine Gelage mehr erleben; und jetzt schaff mir zu essen und eine Kanne Wein, ich verbringe die Nacht hier.

»Wipold war überzeugt, er kniete unter Tränen nieder und küßte meine Hände, und wenig fehlte, so hätte ich mit ihm geweint. Hier schlug ein Herz, dem das Wählingerland teurer als das Leben war, in einer jungen Hoffnung; er rannte die Treppen hinunter, und indes die Diener das Mahl trugen, kam er mit diesem Wein wieder. ›Herr, dieser Tag ist ein hohes Fest, darum kostet von dem besten Vermächtnis Eures Vaters.‹ – So, Bruder, bin ich an dies Faß geraten, das dein Wipold dir entzogen hatte, und sieh, ich habe sparsamen Gebrauch gehalten und nur in Herzensnot davon getrunken; dennoch, Bruder, sind nicht viele Tropfen mehr darin.«

Er schwieg mit bebender Lippe und griff zum Becher, den ich füllte.

»Wer ist nun Gast, und wer Hausherr?« scherzte er schwermütig über meinen Eifer, und ich:

»Wir sind beide Gäste desselben Schicksals und haben voreinander nichts voraus.«

»So ist es recht, Bruder; ich merke, du bist in einer strengen Schule gewesen, doch war auch vielleicht dein äußeres Leben bunter als meines, inwendig werde ich dir nichts nachgeben. Aleit lag fast zwei volle Monde auf dem Lager, stündlich vom Tode mit winkender Sichel bedroht, und ich hatte noch nicht den Mut gefunden, in ihre Kammer zu gehen. Dies fiel weniger auf, weil ich mich mit Macht der Geschäfte meines Landes annahm, und hiervon, Bruder, will ich dir lieber schweigen. Genug, beim Niedergang finden sich überall willige Helfer; beim Aufbau selten, denn keiner will opfern. Als ich mein Feld überblickte, begegnete ich störrigen Gesichtern, allen war meine Wandlung unbequem, außer dem geringen Volk und den wenigen von guter Art, denen eben dieses Volk am Herzen lag als der eigentliche Born ihrer Kraft und die Quelle und Zukunft ihrer Geschlechter. Aber nicht von dem zu hören bist du hier; es nahte die Stunde, wo ich Aleit besuchen mußte, der Keim des Argwohns war schon gepflanzt. Ich betrat allein ihr Zimmer, sie lächelte mir matt entgegen und hob beide Arme. Ob ihre Hände nun aus Schwäche oder einem tieferen Gefühl niedersanken, eh sie mich erreichten – kurz, sie sanken nieder, und in ihren Augen glomm eine schier hilflose Angst auf. Sie zog das Tuch über ihre Brust und errötete, als sei ich ein Fremder, indes trotz all dem kein Zweifel war, daß auch sie vom Betruge getäuscht war und gläubig vertraute, du stündest an ihrem Lager. Ich setzte mich still neben sie und schilderte in großen Zügen meine Arbeit während ihrer Krankheit, gewiß ohne Eigenlob und nur zu dem Zweck, sie durch Taten von meiner Wandlung zu überzeugen. Dann erst bat ich sie, mir zu verzeihen, und richtete mein gesenktes Auge auf sie. Sie lag und weinte lautlos, stumm wie Perlen rannen die Tränen über das regungslose Antlitz, das von einem ungeheuren Jammer ganz durchtränkt schien. Du weißt, Bruder, ich liebte sie schon lange vordem, hoffnungslos und ohne Wünsche, jetzt, da ich vor der Wirklichkeit eines vielleicht doch einmal geträumten Traumes stand, konnte ich das lebendig gewordene Bild nicht fassen. Einmal hinderte mich mein Gewissen, zum anderen stieß sie selbst mich zurück – zu meinem Glück, denn sonst säßen wir nicht vor diesen Flammen. Endlich streifte sie meine Hand mit ihrer zarten und flüsterte: ›Was soll ich dir verzeihen, Robert? Ich bin ja glücklich, daß ich Gottes Werkzeug sein durfte, dir den guten Weg zu weisen. Hab Geduld mit mir, Robert, mein Kopf ist trüb und wirr, ich weiß kaum, was ich rede.‹ Und wieder die entsetzte Angst in ihren Blicken, daß ich verstört vom Lager sprang. Vielleicht hatte der Unglückssturz wirklich ihr Gehirn erschüttert, und sie brauchte lange Zeit, wieder völlig zu genesen. Jedenfalls verstand ich, sie wollte allein sein, allein bleiben, und dies kam mir, der ich nicht daran dachte, dir, dem ich das Land genommen, auch die Ehre zu rauben – dies kam mir gelegen. Ich sprach ihr gut zu, erwähnte zwischen den Reden, daß ich oben im Turm mein Lager aufgeschlagen hätte und daß es vorerst das beste wäre, es bliebe so und sie pflegte sich in Ruhe, zumal wegen des Kindes. Bei diesen Worten schoß es heiß in mir auf, daß du von ihrer Schwangerschaft offenbar nichts wußtest, und daß ich ihr danken müsse. Ich fand stotternde Worte, die sie, fliegenden Purpur auf den Wangen, entgegennahm; mein Herz zitterte, wie es nimmer vor dem Tode gezittert hätte, ich beugte mich herab und wollte sie küssen, bei Gott, mitten in meiner Rolle und nicht aus Begier; doch sie wich mir erschrocken aus, von neuem in Glut getaucht. Sehr erleichtert drückte ich ihr die Hand und nahm Urlaub – Bruder, sie entließ mich mit einem Blick, den ich nie vergesse, als hätte ein Maler Schrecken und Frohlocken in einem blauen Glanz vereinigt.