»Aber in meinem Gemüt stießen sich die Gegensätze nicht minder. Zwar war ich nach dieser Begegnung erst wahrhaft Herr auf Claraforte und also unser Plan gelungen, jedoch barg die Zukunft Kämpfe einer Art, die ich nicht gewollt hatte und nicht auf mich genommen hätte, wäre die Entscheidung noch vor mir gewesen. Ich zog aus, ein Reich zu erobern, nicht aber ein Weib zu stehlen.

»Der Sommer war gekommen und Aleit außer Bett, genesen zwar, doch zarten Wesens und in ihrer zunehmenden Schwangerschaft doppelt der Schonung bedürftig. Niemand konnte Arges darin sehen, daß ich mein Lager im Turm beibehielt, zumal mich wachsende Geschäfte bis in die Nacht fesselten und wachzwangen. Am Martinstage ward Harald geboren, die Stunden fielen schwer und traurig über sie, und ich konnte ihr am wenigsten helfen. Unbekümmert um das Gerede der Leute, das ich sonst peinlich vermied, verritt ich tagelang und kehrte erst zurück, als der Sohn ihr im Arme lag. Ich freute mich seiner mehr, als sei es mein eigen Kind, denn so hatte das Land einen Erben, ohne daß ich eine ungeliebte Frau zu heiraten brauchte – dir zur Gesundheit, Bruder! – einen Erben vom echten Stamm!«

Hastig leerte ich den Becher und noch einen, da meine Zunge wie verdorrt im Gaumen lag. Aus seinen Worten stieg meine versunkene Jugendwelt auf, verscherzt, vertan, verloren. Und draußen wogte im treibenden Regen der Frühling und goß Flammen in meinen rüstigen Leib.

Der andere fuhr fort:

»Das Kind war ein neuer Grund, ihr fernzubleiben, und so lebte die Gewohnheit uns, die wir nie verbunden waren, langsam auseinander. In ihrer Güte erfand Aleit für das, was sie mir an Liebesbeweisen schuldig blieb, eine Fülle kleiner Aufmerksamkeiten, und wenn du meine kostbar gestickten Röcke musterst, weißt du, wie sie ihre Zeit verbrachte. Sie mußte in ihren Gedanken öfters bei mir weilen, vielleicht sehnte sie sich nach mir und überwand den ersten Schritt nicht, den ich zu tun mich nicht entschließen konnte, solange ich dich im Leben glaubte.

»Wer Schäden ausmerzt, findet wenig Freunde. Wipold starb; ich vereinsamte, mein ödes Herz verwilderte nach innen, denn nach außen hin hielt ich es hoch und spielte ein gewagtes Spiel. Einmal, im heißen Sommer, überwältigte mich die Leidenschaft. Sie spielte mit dem Kinde auf dem Rasen am Weiher, unter den drei Birken, und das liebliche Bild entzückte und riß mich hin. Dann ward das Kind von der Amme geholt; sie lag neben mir im Grase und sah mit den wundervoll tiefen Blicken über das spiegelklare Wasser in die Landschaft, die schwer von Segen unter der Sonne zu atmen vergaß. Ich fühlte die Wärme ihres Leibes schwüler als sonst –«

Er sprang auf und ging erregt im Zimmer hin und her, derweil mein Herz so laut schlug, daß es kaum vor ihm verborgen blieb. Aus der dunkelsten Ecke sprach er weiter, heiser und stockend:

»Bruder, ich würde es nicht berichten, wenn ich das seltsame Leben nicht vor dir und mir klären möchte. Ich riß sie in die Arme, ich fühlte den Druck der ihrigen, und ihre Lippen blühten mir entgegen, aber das war wie ein Vergessen nur, dann wandte sie totenblaß den Kopf und lief mit einer nichtigen Ausrede ins Haus. Nicht zu ihrem Kinde; die Amme kam bald darauf ahnungslos zurück und wollte das gestillte Kind der Mutter wiederbringen. Sie verweilte einen Augenblick, da der Junge nach meinen blanken Borten griff und munter krähte; doch ich, der ich in dem Kinde die Mutter sah, muß wohl eine wehrende Bewegung gemacht haben, und die beiden stoben eilends davon. Harald glich in seinen ersten Jahren mehr Aleit als dir, erst mit dem Jünglingsalter schlug das Wählingergesicht durch. – Ich blieb auf dem Platze, wie ein Besiegter auf dem Schlachtfelde, und meine Wunden brannten genau so todesbitter. Zu Anfang überwog die Eitelkeit und tobte fruchtlos. Danach kam die Erkenntnis meines Raubversuches und peitschte mein Gewissen. Es war ja nichts geschehen, aber doch kann ich selbst heute noch nicht ohne grimmige Scham an diese Stunde denken. Ich war ein unreines Tier, das sich von Begierden hetzen läßt und die edelste Frau zu zerbrechen willens war, betrügerisch und verächtlich mehr als im rohen Sturm der Leidenschaft.

»Spät schlich ich in die Burg. Die Möglichkeit, mich zu entschuldigen, war mir genommen. Was tut ein Mann seinem Weibe zuleide, wenn er nach einem Kuß Begehr trägt? Ich lag in meinen eigenen Stricken, und wahrlich, sie schnitten scharf genug ins Fleisch. Wir mieden uns eine Zeitlang mit gesenkten Lidern, dann schien sie den Vorfall vergessen zu haben und gewann ihre bescheidene Heiterkeit zurück.

»Als Harald älter wurde und der Mutter aus den Händen wuchs, fehlte ihr die tägliche Beschäftigung; sie fragte mich mehr denn früher nach dem Stand der Dinge im Lande und wurde mir in vielem eine kluge Beraterin, die oft mit klarem Herzen schärfer sah als mein Verstand. So, in ihrer fraulichen Reife, schien sie mir noch werter, sternenhafter; aber nie wieder versuchte ich sie auf die Erde zu reißen. Diese Gefühle sind niemals über unsere Lippen gedrungen, so daß in all den Jahren der leichte Hauch eines schamvollen Geheimnisses zwischen uns wallte und einen lockenden, doch ehern trennenden Schleier bildete. Es ist kein Tag vergangen, Bruder, den ich ganz gewonnen hätte, ein Herzschlag war in jedem, der mich erinnerte, wie kläglich und arm mein menschlich Teil geblieben war. Und noch heute habe ich es nicht überwunden, obzwar ich sehe, daß wir alle Gottes Wege gegangen sind.«