Wir reisen über Pillnitz. Der gewöhnliche Weg von Dresden führt uns über die Dörfer Strießen und Tolkewitz, Laubegast vorbei in 2 Stunden zu einer fliegenden Brücke, die uns während des Sommeraufenthalts der königlichen Familie in Pillnitz, zu diesem Lustschlosse hinüber bringt. Wer zu einer andern Jahrzeit auf dem linken Ufer seinen Weg nimmt, muß sich, wenn er zu Wagen, oder zu Pferde reiset, in Blasewitz oder Laubegast übersetzen lassen, oder sich der Kahnfähren in Hosterwitz und Söbrigen bedienen; Fußgänger aber finden in jedem Elbdorfe bequeme Ueberfahrt.
Auf dem rechten Elbufer folgt der Fahrweg jenseit des Mordgrundes der, über Loschwitz führenden Pillnitzer Bergstraße, wo sich aber nur selten Aussichten in das reizende Stromthal öffnen. Der Fußpfad bringt uns gleich jenseit des Prießnitzbaches, am Linkeschen Bade vorbei, durch eine anmuthige Landschaft längs dem Elbufer zu dem freundlichen Loschwitz, dessen große Kirche außerhalb des Dorfes an der Straße liegt. Oberhalb Loschwitz führt uns ein Wiesenpfad nach Wachwitz, und fast immer an Gebäuden und Gärten hinwandernd, kommen wir, Nieder-Poyritz und Hosterwitz vorbei, in ungefähr anderthalb Stunden nach Pillnitz, wenn nicht die anmuthigen Seitenthäler, die aus dem Rebengebirge herabfallen, der schattige Ziegengrund bei Loschwitz, der Helfenbergergrund bei Nieder-Poyritz und der Keppgrund bei Hosterwitz aus zu einer Abschweifung einladen. Aus dem Keppgrunde können wir über den Zuckerhut auf einem kurzen Umwege in die, zu dem Lustschlosse führende Kastanienallee gelangen.
Pillnitz, seit dem Anfange des funfzehnten Jahrhunderts das Eigenthum verschiedener adeligen Geschlechter, und schon zu Ende des siebzehnten auf kurze Zeit in landesherrlichem Besitze, ist seit dem Anfange des vorigen Jahrhunderts ununterbrochen fürstliches Eigenthum gewesen, und seit 1763 der beständige Sommeraufenthalt des Hofes. Die älteren Gebäude, die bereits Friedrich August I. verschönert hatte, wurden unter des jetzigen Königs Regierung theils abgetragen, theils verändert, und erhielten in den Jahren 1788 bis 1792 eine neue Gestalt. Der einzige Ueberrest des alten, 1616 erbauten Schlosses, dessen Speisesaal in frühern Zeiten Venustempel hieß, brannte 1818 ab, worauf in demselben Jahre nach dem Plane und unter der Aufsicht des Oberlandbaumeisters Schuricht der Bau eines neuen Schlosses begann, das weiter als das alte, nach Morgen verlegt wurde. Wir treten in den, durch das ganze Gebäude gehenden Speisesaal, der mit einer Kuppel bedeckt ist, die auf zwanzig freistehenden Säulen ruht, und theils von oben, theils durch hohe Seitenfenster erleuchtet wird. Zwischen der Kuppel und dem Gebälke befinden sich vier Dreiecke, sogenannte Pendentifs, und vier halbrunde Felder (Tympans), welche Professor Vogel mit Frescogemählden ziert. Für diese Felder sind die allegorischen Darstellungen der Mahlerei, Bildhauerkunst, Baukunst und Musik bestimmt; in den Dreiecken aber die zu jenen gehörenden allegorischen Figuren der Dichtkunst, der Liebe, der Philosophie und der Grazien auf blauem Hintergrunde in hoher Vollendung und heiterer Farbenpracht bereits ausgeführt. Die hellblau mit weißen Arabesken verzierten Wände des Saales enthalten zwischen den Säulen noch Füllungen, die späterhin gleichfalls mit Gemählden geschmückt werden sollen. — Die andern, den Schloßhof einschließenden Gebäude bestehen aus vier großen, einzeln stehenden Pavillons, die zwar nicht hoch, aber im Ebenmaaß gebaut, und mit Säulenreihen und sinesischen Kupferdächern verziert sind. Zwischen den nördlichen Pavillons steht das Bergpalais, zwischen den südlichen das Wasserpalais. Diese, ein großes Viereck bildenden, und im Innern geschmackvoll eingerichteten älteren Gebäude enthalten die Wohnungen der königlichen Familie. Hinter dem Bergpalais und dem anstoßenden Pavillon liegt der, schon 1769 angelegte, aber seit 1804 sehr erweiterte und verschönerte Garten, wo man eine reiche Sammlung ausländischer Gewächse findet. Eine Vestale aus carrarischem Marmor, von Trippel’s Meisterhand, ziert diese Anlagen, und ein geschmackvolles Gartengebäude enthält ansehnliche Sammlungen von Sämereien, trefflich gemahlten Pflanzen und seltenen Schmetterlingen.
Die umliegenden Berge, und die Thäler, welche sie durchschneiden, hat die Natur mit mannigfaltigen Reizen geschmückt, die feiner Kunstsinn erhöhte. Der Friedrichsweg am Eingange des Pillnitzer Grundes bringt uns zuerst zu einem wohlerhaltenen Weinberge und einer schön angelegten Eisgrube, und den Windungen des Pfades folgend, kommen wir zu dem Raubschlosse, künstlichen Trümmern, die geschmackvolle Zimmer enthalten, wo man die Umgegend von Pillnitz und das lachende Elbthal überschaut. Ein anmuthiger Waldpfad führt uns dann über eine dicht beschattete Brücke zu einem Wasserfalle im einsamen Friedrichsthale, der 138 Fuß hoch herabstürzt. Den schattigen Pfad verfolgend, kommen wir in einer Stunde auf den mit Fichten und Birken bewachsenen Gipfel des Borsberges, eine Granitkuppe, die 811 Pariser Fuß über der Elbfläche bei Dresden und 1161 Paris. Fuß über dem Meere liegt. Im nahen Dorfe Borsberg finden wir einen Führer, der uns die Eremitage öffnet, eine künstliche Felsenmasse, die eine Grotte und ein freundliches Zimmer enthält. Eine, in den Trümmern verborgene Treppe führt uns auf den Altan über der Grotte, wo wir eine entzückende Aussicht genießen, die den Lauf der Elbe von Königstein bis Meißen und die Felsenberge des meißnischen Hochlandes umfaßt, über welche in der Ferne die waldigen Bergrücken des Erzgebirges, der Rosenberg in Böhmen und die Höhen bei Zittau hervorragen.
In der Nähe dieses Gebäudes führen steinerne Stufen in das Thal hinab, wo uns ein neu angelegter Jagdweg nach Klein-Graupe bringt. Auf dem gewöhnlichen Fahrwege von Pillnitz aber führt uns ein langer Baumgang längs dem Dorfe Ober-Poyritz, durch Graupe und ein Wäldchen zu der Grundmühle, wohin sich unweit der Schäferei in Groß-Graupe auch ein Fußpfad über Hinter-Jessen wendet. Wir lassen unsern Wagen von Graupe nach Liebethal fahren, und treten oberhalb jener Mühle in den
Liebethaler Grund,
über dessen steile zerrissene Wände das Dorf Liebethal auf der Höhe hervorblickt. Auf beiden Seiten der Wesenitz, die das Thal durchströmt, ziehen sich die schroffen, bis zu 60 Ellen emporsteigenden mächtigen Felsengestalten gegen Morgen hinan, und erheben sich immer höher, je weiter wir wandern. Das Thal ist seit mehren Jahrhunderten bis in die Hälfte seiner Ausdehnung durch Sandsteinbrüche nach und nach erweitert worden. Weiter aufwärts drängen sich die Felsenwände so nahe zusammen, daß der Pfad am Ufer des rauschenden Baches verschwindet. Reissende Fluten, welche Felsenmassen fortwälzten und Steinhaufen aufschwemmten, haben überdies die Wanderung durch das Thal beschwerlicher gemacht. Die Steinbrüche gehören zu den ältesten des Landes, und liefern einen vesten und grobkörnigen Sandstein, wovon die weichern Massen zu Mühlsteinen, die mit Eisenadern durchzogenen aber nur zu geringerm Gebrauche taugen. Von den in frühern Zeiten gangbaren funfzig Brüchen wird kaum noch ein Fünftheil bearbeitet. Wir verweilen bei dem Bruche, von dessen hoch ansteigenden Wänden der Thurm von Liebethal und einige Häuser des Dorfes herabblicken, und finden wir die Arbeiter gerade beschäftigt, so wird uns die Kühnheit und Betriebsamkeit, womit sie ihr Gewerbe treiben, auf einige Augenblicke Unterhaltung gewähren. Ein großer Block, ein sogenannter Satz, wird allmählig von dem Hauptfelsen gelöset, was oft die Arbeit eines halben Jahres, ja noch mehr Zeit kostet. Täglich arbeiten die Steinbrecher verwegen unter der drohend überhangenden Masse, ist aber endlich der Block herabgestürzt, so beginnt ein fröhliches Gelage, und mit leichterer Mühe wird dann das Stück in kleinere getrennt. Der Reisende muß auf die Warnung achten, die eine Inschrift über der Thür des letzten Hauses in Hinter-Jessen ihm zuruft, denn wenn er eines der eisernen Werkzeuge der Steinbrecher aufhöbe, oder den Ruf: Lauf zu! hören ließe, so müßte er büßen. Dieser Ruf ist die Losung, womit die Arbeiter in Lebensgefahren ihre entfernteren Gefährten zum Beistande auffodern, und hätte ein Wanderer, aus Unkunde oder Muthwillen, sie verleitet, von ihrer Arbeit zu eilen, so dürften sie, wofern der Fliehende innerhalb einer bestimmten Gränze eingehohlt wird, ihn zu einer Geldstrafe nöthigen.
Aus dem Thale führt uns ein beschatteter Weg am Kemnitzbache, oder ein rauherer Pfad durch die Steinbrüche zu dem Dorfe Liebethal hinauf, das vor Zeiten ein vestes Schloß hatte, welches gegen Anfang des sechzehnten Jahrhunderts zerstört wurde. Wir gehen durch das Dorf, an der Kirche vorbei, auf einem anmuthigen Wege am Rande des Felsenthales zu dem nahen Mühlsdorf, und verweilen bei einer Oeffnung des Gesträuches auf der vorspringenden Wand, um einen Blick in die furchtbare Tiefe zu werfen, wo die Lochmühle an der schäumenden Wesenitz zwischen Felsen eingeklemmt liegt. Bei den ersten Häusern von Mühlsdorf führt ein Weg zu der Mühle hinab. Wir gehen durch die Mühle, und finden auf der schmalen Brücke hinter derselben, wo der Bach über das Wehr stürmt, den günstigsten Standpunkt zur Ansicht der wilden Landschaft. Die Stelle, wo die Felsen so nahe zusammenrücken, daß kein Pfad am Ufer bleibt, heißt die Rabenteufe.
Der Mühle gegenüber steigt eine, zwischen den Felsen angelegte Treppe auf die jenseitige Höhe zu dem Dorfe Daube hinan. Oben am Ausgange der Treppe führt ein Pfad durch das Gebüsche auf eine vorspringende Felsenwand, die uns einen neuen Standpunkt zur Ansicht der wilden Felsenschlucht darbietet und Ueberreste von altem Gemäuer zeigt. Ein angenehmer Weg bringt uns von da gerade nach Lohmen, wenn wir nicht auf einem bequemern Pfade zur Daumühle im Wesenitz-Thale hinabsteigen und dann aufwärts nach Mühlsdorf wandern wollen, dessen Häuser, von Gärtchen umgeben, die dem Felsen abgewonnen wurden, auf dem Rande der steilen Höhe sich zeigen. Wählen wir diesen Umweg, so gehen wir durch Mühlsdorf an den Rand des Liebethaler Wäldchens, wo wir ein Landschaftbild überschauen, das Lohmen und dessen anmuthige nächste Umgebungen, die Gegend von Dohna bis Dresden, den Königstein und Lilienstein umfaßt, und in der blauen Ferne von Böhmens und Sachsens Gränzgebirgen umschlossen wird. Bei Mühlsdorf steigen wir dann einen felsigen Weg hinab, und kommen bald zu einer Brücke über die Wesenitz, die uns nach