Die bereits erwähnte, durch einen Wolkenbruch erzeugte Flut im September 1822 hat in diesem Thale, besonders in dem Hauptthale, das sich nach der Elbe hinab senkt, große Verheerungen angerichtet. Dieses Hauptthal, der Raingrund genannt, theilt sich in drei Arme. Rechts zieht sich der Teufelsgrund, dessen obere Ecke die Bärecke heißt, auf eine Anhöhe, über welche der Weg nach Lohmen, und zum Dorfe Wehlen geht. Der mittle Grund bringt uns zu diesem Dorfe und zum Städtchen Wehlen. Der dritte, links hinauf laufende Arm öffnet sich in ein breites freundliches Thal, das uns bald in dieses Städtchen führt.
Reisende, die sich von Pirna auf das rechte Elbufer übersetzen lassen, um von hier die Bastei und Rathen zu besuchen, gehen auf anmuthigen Wiesenpfaden, unter stets wechselnden Ansichten einer reich geschmückten Landschaft, aufwärts über die Dörfer Nieder-Posta, Ober-Posta und Zeichen nach Wehlen, das von Obstpflanzungen und Hopfengärten umgeben, am Ausgange des Ottowalder Thales unter hohen Felsenwänden längs der Elbe liegt, deren schöner Spiegel sich in sanften Krümmungen zwischen den felsigen, jenseit dicht bewaldeten Ufern hinab zieht. Ueber dem Städtchen, wo 700 Einwohner sich von Leinweberei, Baumwollespinnen, Obst- und Hopfenbau und besonders auch vom Korn- und Steinhandel nähren, ragen die ansehnlichen Trümmer des alten Schlosses hervor. Die Geschichte dieser Burg ist dunkel. Ursprünglich wurde sie vielleicht schon von den Sorben angelegt, später aber, als die Ansiedelung der Teutschen jene verdrängt hatten, wahrscheinlich in eine Burgwarte verwandelt, und in der Folgezeit der Hauptsitz der Herrschaft Wehlen. Diese gehörte bereits im 13ten Jahrhundert zum Markgrafthum Meißen, ward aber später böhmisches Lehen, bis sie zu Anfange des 15ten Jahrhunderts mit Pirna vom König Wenzel an Meißen verpfändet wurde. Schon im 16ten Jahrhundert, als die damahligen Besitzer dieser Herrschaft, die Herren von Schönburg, das Schloß Lohmen neu erbauten und es zu ihrem Wohnsitze machten, scheint das Schloß verfallen gewesen zu sein, und wurde seitdem so ganz verödet, daß 1788 eine Mauer einstürzte und ein Haus von der Stelle schob.
Von Wehlen führt ein sehr anmuthiger, aber nur für Fußwanderer gangbarer Weg längs der Elbe am Fuße der hohen Felsenwand in 3 Viertelstunden nach Rathen, wenn man sich nicht auf das jenseitige Ufer übersetzen lassen, und auf einem angenehmern Wege, im Angesichte der Felsen von Rathen, bis Ober-Rathen wandern will, wo man wieder auf’s rechte Ufer hinüber fährt. Die Reisenden, die von Pirna nach Wehlen gekommen sind, gehen nun entweder durch das Ottowalder Thal und den Zschirregrund auf dem bereits beschriebenen Wege, oder über Rathen auf die Bastei. Jener ist vorzuziehen, da sich uns hier die überraschende Aussicht von dem hohen Felsenvorsprunge auf einmahl öffnet, die wir auf dem letzten Wege theilweise von mehren Standpunkten betrachten. Wer aber diesen Weg wählt, wandert von Rathen in dem anmuthigen Grünbachthale hinauf, wendet sich dann in den felsigen Wehlergrund und kommt aus diesem auf den, in neuern Zeiten bequemer gewordenen Pfad, der durch die Vogeltelle zwischen hohen Felsen hinan führt.
Endlich stehen wir auf dem, kaum 10 Fuß breiten Gipfel des vorspringenden, gegen 600 Fuß über die Elbfläche und 973 Par. Fuß über das Meer sich erhebenden Felsenhornes, das wegen der Aehnlichkeit mit Bevestigungen den Nahmen
Bastei
erhalten hat. Ein reiches Landschaftbild liegt vor unsern Blicken. Die Elbe zieht sich im Thale zwischen Wiesenufern und Saatfeldern, am Fuße der Sandsteinwände hinab. Rathen, Wehlen, und jenseit eine Reihe von Dörfern, liegen längs ihrem Gestade. An den beiden Bogen, die der Strom hier bildet, ragen die Bärsteine, der Königstein und der Lilienstein empor, und über ihre Felsenstirnen blicken der Pfaffenstein, die Kuppelberge, der Zschirnstein und aus blauer Ferne der Schneeberg und der Sattelberg in Böhmen, und der Geisingsberg im Erzgebirge. Hinter dem großen Winterberge und dem Zirkelstein wölbt sich der mächtige Rücken des böhmischen Rosenberges. Ueber Rathen hinaus nach Morgen und Mitternacht erheben sich die Felsenwände des Hohnsteiner Forstes, das Schloß Hohnstein und in der Ferne die Berge bei Neustadt. Kehrt unser Blick zu den nächsten Felsenumgebungen zurück, so sehen wir den Neu-Rathen empor ragen, den ein tiefer Abgrund, die Mardertelle von uns trennt, aus welchem wir einen aufgemauerten Pfeiler hervor ragen sehen, der die Brücke trug, die vor Zeiten das Felsenschloß mit der Bastei verband, und auf den Weg nach Rathewalde führte. Von den nächsten Felsen erblicken wir vor uns: die große und kleine Gans, das Blankhorn, den Amselstein und den Gamrichstein.
Wer die Reise nach der Bastei zu Wagen über Rathewalde gemacht hat, wird vielleicht, wenn er an demselben Tage wieder zurück nach Dresden geht, den Rückweg durch den Zschirregrund nehmen und weiter nach Ottowalde wandern, wo sein Wagen ihn erwartet. Geht er wieder über Rathewalde, so verweilt er hier, um die, 1 Viertelstunde entfernte Hohburkersdorfer Linde zu besuchen, welche eine Höhe krönt, wo sich eine der reichsten und reizendsten Aussichten öffnet.
[1] Zuerst Pirna 1803. und in der 4ten Aufl. Dresden 1821.
II. Reise von Rathen nach Schandau.
Wollen wir von der Bastei unsre Reise weiter östlich fortsetzen, so bieten sich uns verschiedene Wege dar. An einem günstigen Sommertage haben wir vielleicht Zeit, mit der Reise zur Bastei eine Wanderung zu den nächsten Felsengestalten zu verbinden, wohin von hier am Rande des Abgrundes ein Weg führt. Wir kommen zuerst zur großen Gans, die sich an dem, von hohen Felsengruppen umgebenen Wehlergrund erhebt. Die Aussicht von dieser Felsenhöhe zeigt uns eine wilde Landschaft, aber am Ausgange jenes Grundes werfen wir einen Blick in das anmuthige Grünbachthal und auf die Häuser von Rathen, über welche der Königstein und Lilienstein hervorragen. Unweit der großen Gans erhebt sich eine zerrissene, orgelförmig gestaltete Felsenwand, die kleine Gans, welche gleichfalls ersteigbar ist. Wir sehen uns hier von dem Blankhorne, dem Amselstein, Honigstein, Feldstein, Neu-Rathen und der Bastei umgeben, während in der Tiefe der Tümpelgrund, der Rabengrund, und die furchtbaren Schwedenlöcher, die in dem dreißigjährigen Kriege den Umwohnern eine Zuflucht gewährt haben mögen, sich öffnen. Ueber diese Felsenwildniß hinaus sehen wir Rathewalde, Hohnstein, und rechts das Dorf Walthersdorf, worüber die böhmischen Gebirge hervor ragen.