Wer so weit gegangen ist, geht durch den Wehlergrund zurück, um sich nach Rathen zu wenden, und erblickt auf diesem Wege die früher gesehenen Felsen in veränderten Gestalten. Man nähert sich bald der furchtbaren Mardertelle, worein man früher auf dem Wege von Rathen nach der Bastei einen Blick warf. In dieser wilden Schlucht stoßen die Wände des Neu-Rathen mit den höhern Wänden der Bastei zusammen; und außer dem aufgemauerten Pfeiler, den wir bereits von oben herab bemerkten, erblicken wir noch mehre ähnliche, welche die früher erwähnte Brücke trugen. Man soll hier, wie eine alte Ueberlieferung erzählt, einst Menschengebeine ausgegraben haben, welche man den Sorben zuschreiben wollte, die bei der Eroberung des Neu-Rathen in den Grund hinab stürzten.
Treten wir aus dem Wehlergrunde in das freundliche Thal, wo der Grünbach hinab fließt, so sehen wir auf der jenseitigen Höhe den Feldstein empor ragen, eine, vom Wald umgebene Felsenwand, welche Burgtrümmern ähnlich und von einer natürlichen Höhle durchbrochen ist, wo man auf vorspringenden Felsenspitzen ruhend, die umliegende Landschaft überschaut, die das nahe Rathen mit seinen Trümmern, die Elbe, den Königstein und Lilienstein umfaßt. Gegenüber erheben sich die zerrissenen Pfeiler der kleinen Gans. An den Feldstein gränzt der Honigstein, der auf allen Seiten von tiefen Schluchten umgeben, und am bequemsten vom nassen Gründel bestiegen wird, wenn man die, besonders gegen Ost und Südost reiche Aussicht von seinem Gipfel genießen will, die uns ein beinahe so herrliches Landschaftgemählde zeigt, als wir auf dem Felsenhorne der Bastei gesehen haben. Lassen wir den Blick über die furchtbare Schlucht des nassen Grundes, die sich vor uns öffnet, hinweg gleiten, so blickt uns vom jenseitigen Rande des Abgrunds die freundliche Landschaft von Hohnstein und Rathewalde entgegen. Ueber Hohnstein ragen die Wände des tiefen Grundes hervor, und über diese schaut der große Winterberg mit seinen böhmischen Nachbarn. Die beiden Gränzhüter des Elbthals, der Königstein und Lilienstein, erheben sich gegen Mittag und die Höhen des Erzgebirges dämmern im Hintergrunde.
Der Rückweg vom Honigstein geht durch den Saugrund, der uns wieder in das Grünbachthal bringt, wo wir mit den Wanderern zusammen treffen, die auf dem nächsten Wege von der Bastei durch die Vogeltelle (s. oben [S. 31].) herabkommen, um mit uns nach
Rathen
zu gehen. Dieses Dorf, wo wir im Lehngerichte, Bewirthung und Nachtlager finden, liegt auf beiden Ufern der Elbe, der kleinere Theil, Ober-Rathen, auf dem linken, der größere aber, Nieder-Rathen, zieht sich auf dem rechten in den Felsengrund hinauf. In der Umgegend wächst sehr guter Hopfen, den man dem böhmischen gleich setzen, und dem bei Wehlen erbauten vorziehen will. Wir verweilen zuerst vor dem freundlichen Wirthshause an der Elbe, des herrlichen Landschaftgemähldes uns zu erfreuen, das die Ufer des Stromes, in welchem links der Lilienstein seine Felsenkrone spiegelt, vor uns entfalten.
Wer den Besuch der schönen Umgegend von Rathen mit der Reise nach Schandau verbinden will, kann den bereits beschriebenen Weg zur Bastei und die noch rückständige Wanderung nicht in einem Tage zurücklegen, sondern muß am ersten Reisetage entweder in Lohmen, oder in Rathen sein Nachtlager nehmen, und die Frühstunden des zweiten Tages der neuen Bergwanderung widmen. Ein Führer, den wir im Wirthshause finden können, bringt uns in den, sich gleich hinter dem Hause öffnenden Rathner Grund, wo diejenigen, welche zuerst die oben beschriebenen Felsen am Wehler-Grund besehen wollen, sich bald von uns trennen. Auf die Trümmer der Burg von Alt-Rathen, die sich über dem Dorfe auf einem vorspringenden Felsen erheben, werfen wir nur einen Blick. Es ist nichts als ein runder Thurm mit kaum zugänglichen Kellern davon übrig. Die Burg wurde wahrscheinlich schon von den Sorben angelegt, und später, nach teutscher Art bevestigt, in eine Burgwarte umgewandelt. Nach den ältesten geschichtlichen Spuren stand Rathen gegen Ende des 13ten Jahrhunderts unter Raubold von Niemancz, welcher vom König von Böhmen abhängig, Burggraf des Schlosses Königstein war, später aber kam es vielleicht mit dem Königstein an die Burggrafen von Dohna. Im 15ten Jahrhunderte, bald nach Vertreibung dieses mächtigen Rittergeschlechts, finden wir Rathen im Besitze der Edlen von Oelsnitz, die in eine, von Glaubenshaß entzündeten Fehde, mit ihrem Nachbar, dem hussitisch gesinnten Hinko Berk von Duba auf Hohnstein verwickelt waren. Dieser Krieg machte es den Landesherrn, dem Kurfürsten Ernst und dem Herzog Albert nicht schwer, sich endlich 1468 der Burg Rathen zu bemächtigen.
Wir besuchen zuerst den Neu-Rathen, die Ueberreste einer Felsenburg, welche vielleicht schon im 12ten Jahrhundert angelegt wurde, als der Raum in Alt-Rathen zu beschränkt geworden war, und die mit dieser nach der Eroberung gleiches Schicksal hatte. Wenn wir eine kurze Strecke am Grünbach hinauf gegangen sind, bringt uns ein steil ansteigender Pfad zu dem Wachhäusel, einer in den Felsen gearbeiteten vierseitigen Höhle, die vielleicht einst einem Wächter zum Aufenthalte diente. In der Oeffnung der Felsen, durch welche der Weg dahin führt, verrathen uns Falze am Eingange, daß sie einst durch ein Thor verschlossen war. Am Abhange des Berges läuft der Weg im Gehölze fort, wo links die Elbe aus der Tiefe herauf blickt, und ein Vorsprung, der Rosengarten, oder das Rosenbett genannt, einen günstigen Standpunkt zur Aussicht in’s Thal darbietet. An dem hohen Mönchstein vorbei wandernd, kommen wir bald zum Eingange des Neu-Rathen, der als eine, von zwei senkrecht stehenden Felsenkegeln gebildete, gegen 6 Fuß breite Kluft erscheint, wo man die Falze und Löcher ehemahliger Fallgitter und Riegel deutlich erkennt. Haben wir dieses Felsenthor hinter uns, so führt uns ein angenehmer Weg zwischen hohen Felsenwänden aufwärts, und wir erblicken bald am Abhange des Berges die Trümmer alter, erst im siebenjährigen Kriege zerstörten Mauern, welche die Sage zu dem Ueberreste der Burgkapelle macht. Von hier ersteigen wir den Gipfel des Berges. Ein Felsenstück, wahrscheinlich von Menschenhänden in eine Bank verwandelt, das Kanapee, bietet uns einen Ruheplatz, wo wir die Aussicht über den Strom genießen, der sich in der Tiefe zwischen seinen Felsenufern fortwindet, ungefähr dasselbe Landschaftgemählde, das sich auf der Bastei vor uns ausbreitet, nur minder umfassend, und gegen Nordwest durch vorspringende Berge und Wälder beschränkt. Wir sehen hier die Trümmer von Alt-Rathen in der Nähe, und über uns erhebt sich der steil ansteigende, über 140 Fuß hohe Mönchstein mit dem Mönchsloche, einer selbst vom Elbufer sichtbaren, gegen 5 Fuß breiten Höhle, die vor Zeiten vielleicht zur Burgwarte diente. Man hat diesen Felsen auch in neuern Zeiten mit Leitern erstiegen, die auf den vier Absätzen, woraus er besteht, angelegt wurden.
Auf dem Gipfel des Neu-Rathen erblicken wir ein von Felsenwänden spitzig gewölbtes Thor, das den Haupteingang der alten Burg bildet, und finden deutliche Spuren ehemahliger Gemächer, einen von Menschenhänden angelegten Brunnen und mehre Ueberreste alter Bevestigungen. Am Ausgange des Felsenthores schauen wir in den Abgrund der Mardertelle hinab. Betrachten wir hier die ganz nahen, auf Felsenspitzen gemauerten Brückenpfeiler, die aus der Tiefe hervor ragen, so scheint vom Thore zum ersten Pfeiler eine Zugbrücke gegangen zu sein, über die entferntern Pfeiler aber bis zur jenseitigen Wand zog sich vermuthlich eine hölzerne Brücke. Unweit der Brückenpfeiler zieht sich queer über den Grund eine Felsenerhöhung, die alte Schanze genannt, auf welcher in der Länge hier eine Vertiefung läuft; wahrscheinlich auch eine Spur ehemahliger Bevestigungen. — In neuern Zeiten hat man die halb verschütteten Stufen wieder aufgegraben, die unweit des Thores auf die höchste Felsenwand führen. Oben auf der Fläche lagen mehre große steinerne Kugeln, und da einige Spuren die Vermuthung zu begründen scheinen, daß man diese Kugeln von hier mittels einer Schleuder auf die Feinde geworfen, so nannte man den Felsen die Steinschleuder.
Die Trümmer der Burg Neu-Rathen, wovon nach der Zerstörung im Jahre 1468 nichts als die Felsenmauer übrig blieben, dienten im dreißigjährigen Kriege, besonders im Jahre 1639, als Banner mit seinen Kriegsvölkern Pirna und den Sonnenstein belagerte, den verzagten Bewohnern der Umgegend als vester Zufluchtort, und eine Inschrift im Felsen verräth, daß auch bei dem schwedischen Einfall im Jahre 1706 Flüchtlinge hier Schutz gesucht haben, die vielleicht zu jener Zeit einige neue Bevestigungen zu ihrer Sicherheit anlegten.
Wer Zeit hat, sich in der Gegend von Rathen aufzuhalten, oder auch über Rathewalde nach Hohnstein zu wandern, kann von dem Neu-Rathen gleich in den nahen