Wir gehen von hier über die Hochebene des Vorder- und Hinterforstes nach
Hohnstein,
wohin diejenigen Reisenden, die den Brand nicht besucht haben, aus der Fortsetzung des Weges durch den tiefen Grund über die Grundmühle gekommen sind. Das Städtchen liegt mit seinem Felsenschlosse auf einem Bergrücken östlich von der Polenz, und hat gegen 800 Einwohner, die sich von Weberei, Flachsspinnen und Landwirthschaft nähren. Das Schloß, das auf einem abgesonderten Felsen liegt, ist mit der Stadt durch eine steinerne Brücke verbunden. Die Veste, gewiß so alt, als die Burg Rathen, und vielleicht gegen Ende des 11ten Jahrhunderts zuerst angelegt, war wenigstens schon im 14ten Jahrhunderte der Sitz der mächtigen Edlen Birk oder Berk von Duba. Dieses Geschlecht erwarb seit dem 11ten Jahrhunderte ansehnliche Besitzungen in Böhmen, von der Elbe bis zum Riesengebirge. Die mächtigste Linie besaß auch das Schloß Leipa in Böhmen, wovon sie den Beinahmen führte, und dieser gehörte nach urkundlichen Beweisen schon 1353 auch Hohnstein. Um das Jahr 1444 kam Hohnstein unter die Obergewalt des Kurfürsten von Sachsen, Friedrichs des Sanftmüthigen, und noch vor Ende des 15ten Jahrhunderts hörte die Herrschaft des Hauses Birk von Duba auf, ob durch Kauf oder Tausch ist ungewiß. Das meißnische Geschlecht von Schleinitz, dem auch die benachbarten böhmischen Herrschaften Tollenstein, Schluckenau und Hainsbach und viele Güter in den Lausitzen gehörten, besaß Hohnstein, bis es 1523 an die Besitzer der Herrschaft Wehlen, die Herren von Schönburg, kam, die endlich 1543 beide Besitzungen an den Herzog Moritz von Sachsen vertauschten, der ihnen einen Theil der jetzigen Schönburgischen Herrschaften dafür überließ. Hohnstein wurde der Hauptort eines landesherrlichen Amtes, mit welchem Lohmen vereinigt ward.[5]
Das Schloß ist auf allen Seiten von sehr tiefen Abgründen umgeben, auf deren Wänden die Burg sich erhebt, deren veste Mauern im dreißigjährigen Kriege allen Angriffen der Kaiserlichen und der Schweden trotzten. Das erste Gebäude, worein wir treten, ist das mittle Schloß, das im Jahre 1620 durch einen Blitzstrahl größtentheils zerstört wurde, und nur noch einige bewohnte Räume enthält. Im Thurme ist ein altes Staatsgefängniß. Wir verweilen in einem, auf dem nahen Felsen angelegten Gärtchen, wo wir in die Tiefe des Bärgartens und der angränzenden Felsenschluchten hinab sehen. Dem mittlen Schlosse gegenüber liegt das neue, das der Justizamtmann bewohnt. Ein langer und breiter Felsengang führt uns in einen, mit alten Wirthschaftgebäuden, Gefängnissen und Trümmern umgebenen Hof. Durch eine verfallene Burgmauer treten wir auf einen Felsenvorsprung, der ein freundliches Gärtchen trägt, das eine schöne Aussicht auf das Städtchen und über das Thal gewährt, durch welches die 1813 vom Fuße des Liliensteins nach Stolpen geführte Napoleonstraße läuft. Längs verfallner Mauern kommen wir zu einem eisernen Gitterthor, das uns in die noch übrigen Gemächer des, im 17ten Jahrhundert durch den Blitz zerstörten Schlosses führt. In einem alten Gemache zeigt man ein, aus kurzgehacktem Stroh mühsam geflochtenes Seil, an welchem gegen Anfang des 18ten Jahrhunderts ein Gefangener sich aus dem Fenster seines Kerkers herablassen wollte, ein Versuch, der aber verunglückte, weil das sonst veste Strohseil zu kurz war. In der ehemahligen Schloßkapelle ist jetzt das Amtsarchiv; die schön gearbeitete Kanzel von durchbrochener Arbeit aber, die früher hier noch zu sehen war, ist seit mehren Jahren in der Kirche zu Röhrsdorf bei Dresden. In einem engen Hofe, worein wir aus diesem Theile des alten Schlosses treten, sehen wir die Ueberreste eines Kerkergewölbes. Es führt den Nahmen des Freiherrn von Klettenberg, eines betrügerischen Goldmachers, der im Anfange des 18ten Jahrhunderts den Herzog Ernst von Weimar und den König August II. hinterging und einige Zeit hier gefangen saß, ehe er auf dem Königstein enthauptet ward.[6] Dieser scheußliche Kerker ist seit 1770 nicht mehr zur Aufbewahrung von Gefangenen gebraucht worden. Die Gefängnisse auf der Burg waren vor Zeiten so furchtbar, daß das Sprichwort sagte: „Wer da kommt nach dem Hohnstein, der kommt selten wieder heim.“ Von der ältesten Burg, in deren Trümmern wir aus jenem Hof gelangen, ist nichts als altes Gemäuer und ein Theil eines Thurmes übrig, der jedoch nicht mehr ohne Gefahr zu ersteigen ist.
Durch den Ausfall steigen wir in die Tiefe hinab, und kommen über einen von alten Mauern umschlossenen Rasenplatz, der einst die Wirthschaftgebäude enthielt, auf eine Felsenebene, wo wir auf einem günstigen Standpunkte in die furchtbare Tiefe des Bärgartens hinab schauen, und jenseit des Thales den Hockstein empor ragen sehen. Der Bärgarten, wohin sowohl vom Schlosse, als von dem Städtchen ein Weg führt, wurde 1609 angelegt, um hier Bären, deren es damahl noch in den umliegenden Wäldern gab, aufzubewahren. Auf der, nach dem Städtchen gekehrten Seite waren die Fänge angebracht, durch welche die Bären in Kasten gelockt wurden, so oft sie zu den Thierhetzen in Dresden und Sedlitz gebraucht werden sollten. Auf der untern Seite befand sich ein Wasserhaus mit großen Rädern, um die starken Eisengitter aufzuziehen, die den Bären den Ausgang sperrten. Die Thiere pflanzten sich hier über 150 Jahre fort, bis sie endlich, da sie zuweilen die Felsenumgebungen überstiegen und den Umwohnern gefährlich wurden, um das Jahr 1756 erschossen wurden. Hier ward auch der gezähmte Bär aufbewahrt, den August II. aus Polen mitgebracht, und in seinem Zimmer erzogen hatte, bis endlich das erwachsene Thier den König bedrohte, der es einst im gefährlichen Kampfe mit dem Hirschfänger verwundete, und dann in den Bärgarten verbannte.
Die zu dem Schlosse gehörende Landwirthschaft ist schon seit langer Zeit vor das Städtchen verlegt worden, und bildet ein ansehnliches Kammergut, das einer der ersten Sitze der veredelten Schafzucht in Sachsen war.
Dem Schlosse gegenüber erhebt sich, ganz abgesondert von den umliegenden Felsenwänden, der
Hockstein,
ein steiler über 500 Fuß hoher Sandsteinfelsen, im Hintergrund des Polenzthales, worein wir von Hohnstein hinab steigen. Wir kommen hier über die, durch Hohnstein laufende Gränze, wo Granit und Sandstein sich scheiden. Dem Wege folgend, der das Thal durchschneidet, sehen wir, hoch über uns, eine im Jahre 1821 angelegte kühne Brücke, welche über eine tiefe Schlucht gespannt ist, um den Hockstein mit einem andern Felsen zu verbinden. Durch diese Anlage, die man den preiswürdigen Bemühungen des königlichen Forstbeamten in Hohnstein, Herrn von Carlowitz verdankt, ist der Felsen zugänglicher geworden, dessen Erklimmung seither sehr beschwerlich war. Man mußte auf dem Wege von Rathewalde den steilen Wartenberg hinab gehen, um aus einer tiefen und engen Felsenschlucht, dem Kohlicht, den Felsen zu erklettern; eine Oeffnung am Fuße des Felsens bildete den einzigen Zugang zu dem Gipfel, den man in einem, die ganze Höhe des Felsens theilenden engen Spalt, wo nur eingehauene Falze, wahrscheinlich Ueberreste alter Bevestigungen, das Klettern erleichtern, mühsam ersteigt, bis man endlich auf einen freien Platz tritt, der nur auf drei Seiten von Felsen eingeschlossen, auf der vierten in einen Abgrund stürzt; von hier aber mußte man noch eine 40 Fuß hohe steile Wand erklimmen, um auf den freien Gipfel zu gelangen. Die 12 Ellen lange Brücke, welche über die, gegen 75 Ellen tiefe Schlucht zum sogenannten kleinen Hockstein und von diesem auf die Straße nach Rathewalde führt, erleichtert den Besuch des Felsens, wohin man nun am bequemsten von Rathewalde oder Lohmen geht. Von der Brücke führen zwanzig in den Felsen gehauene Stufen auf den höchsten Gipfel. Die 150 Schritt lange und 60 Schritt breite Fläche der Felsenkuppe zeigt uns auffallende Spuren ehemahliger Bewohnung, z. B. ein Wasserbehältniß, breite in ein großes Behältniß führende Stufen, und die Ueberreste eiserner Haken an der äußersten Spitze eines zugänglichen, kühn vorspringenden Felsenhornes, wo man, außer einem Mühlenspiel, wie man es auf Damenbretern findet, auch Nahmen ausgehauen sieht. Wahrscheinlich gehörte der Hockstein als Warte zu dem benachbarten Hohnstein, und jene Haken dienten vielleicht zu einem Hebewerke, das den einsamen Bewohnern des Felsens ihre Bedürfnisse heraufbrachte. Diese Verbindung gab ohne Zweifel Anlaß zu der ungereimten Sage, die beide Felsen durch eine lederne Brücke vereinigt. Die Aussicht vom Gipfel umfaßt eine Landschaft, wo über Felsenschluchten und Waldwipfel der Königstein hervor schaut, während gegen Mitternacht die Polenz aus einem freundlichen Thale in ein wildes Felsenbett hinab fließt.