Vom Reischenstein kommt man durch den Felsengrund, die Gostge, in südlicher Richtung an die Elbe. Wir gehen aus diesem Thale rechts durch den langen Grund zu den Bierwänden, einer Felsenreihe, die mit den Winkeln und der Elbe in gleicher Richtung läuft. Die Postelwitzer Steinbrüche (s. [S. 52].) liegen unter diesen hohen, merkwürdig geschichteten Wänden. Ein vorspringender mächtiger Felsenkegel, der Butterweck, dient den Bewohnern des jenseitigen Elbufers als Sonnenweiser, da seine Spalten und Ritzen ihnen die Tageszeit anzeigen.
Wie gehen in dem langen Grunde hinab. Am Wege verweilen wir bei einem großen Sandsteinblocke, der viele Vertiefungen, deren Ränder meist von Eisen braun gefärbt sind, und auf der Nordseite eingesprengte Eisennieren hat. Nach einem kurzen Wege erreichen wir die Schrammthorwände, und steigen auf einem Seitenpfade auf den hohen Rand über den Steinbrüchen, wo eine herrliche Aussicht ins Elbthal uns überrascht. Wir gehen von hier durch das Schrammthor, einen schmalen Durchgang zwischen hohen Wänden, und stehen bald vor dem
Falkenstein,
welcher, aus ungeheuren Schichten aufgethürmt und abgesondert von den benachbarten Felsengestalten, empor steigt, und rings umgangen werden kann. In einem Spalt finden wir Falze und Stufen, welche auf den Gipfel führen, wo wir Jahrzahlen eingehauen finden, die andeuten, das auch hier während des dreißigjährigen Kriegs Flüchtlinge Zuflucht gefunden haben. Gegen Abend öffnet sich eine schöne Aussicht nach Schandau und Königstein.
Wir gehen von hier über Ostrau an die Kirnitsch hinab, oder durch den Zahngrund nach Schandau zurück, wo wir, wenn wir bei Tagesanbruch abgereiset sind, in den ersten Nachmittagstunden ankommen.
V. Reise nach dem Arnstein, Kleinstein und Heilenberg.
Wir brauchen, den Rückweg mitgerechnet, zu dieser Wanderung ungefähr 10 Stunden. Es öffnen sich uns verschiedene, gleich angenehme Wege. Wir können auf der hohen Straße nach Lichtenhain gehen, und von hier herab zur Lichtenhainer Mühle (s. [S. 90].) wo wir mit den Wanderern zusammen treffen, welche vom hohlen Stein (s. oben [S. 56].) aufwärts an der Kirnitsch zur Mühle gekommen sind. Der Weg läuft von hier über Wiesen und weiter auf einem, jetzt sehr gangbaren Pfade am Fuße des hohen Kühnbergs durch ein wildes Thal zu Keßlers Mühle. Hier treffen wir diejenigen Reisenden, die vom Kuhstall über Reinertshau und durch einen Theil des kleinen Zschands kommen, der sich nahe bei der Mühle öffnet. Gemeinschaftlich setzen wir nun unsre Wanderung fort, und kommen bald zu einer andern Mühle, wo eine Brücke über die Kirnitsch in den großen Zschand führt. An dem Bach aufwärts wandernd, erreichen wir Neumann’s (sonst Puttrichs) Mühle, deren reizende Umgebungen uns einen Augenblick vest halten, ehe wir zur Buschmühle hinan gehen. Wir finden in einer dieser Mühlen, wenn wir ausruhen wollen, freundliche und dienstfertige Wirthe, die uns immer Milch und wohlschmeckende Butter reichen, und zuweilen gar Forellen auftischen können. Auch werden wir hier gewöhnlich einen Führer finden.
Bei der Buschmühle verlassen wir das Ufer der Kirnitsch, und dem Wege folgend, der am Ottendorfer Bach hinauf führt, kommen wir bald an den Abhang des Berges, der die steile Felsenkuppe, den
Arnstein
trägt, dessen prächtige, in einer Breite von mehren hundert Ellen sich hinziehende Wände an ihrem Fuße von vielen Höhlen durchbrochen sind, welche man, wie es scheint, früher zu Kellern benutzte. In der Mitte der Felsenwand führen kleine Stufen durch einen engen Spalt auf den ersten Absatz des Felsens, von hier bringt uns eine hölzerne Treppe auf den 2ten, dann eine Felsentreppe auf den 3ten und endlich ein enger Felsenweg auf den letzten Absatz, einen ebenen Platz, wo wir manche Spuren früherer Ansiedelung sehen. Die merkwürdigste darunter ist ein vierseitiger, senkrecht in den Felsen gehauener Brunnen, welchen die Sage bis zur Fläche der Kirnitsch hinab gehen läßt. Einige Landleute, die vor mehren Jahren den Brunnen von Streu und Schutt bis auf zwanzig Ellen reinigten, um Schätze zu suchen, sollen mit einer langen Stange, die sie hinab stießen, keinen Grund gefunden haben. Andre Schatzgräber gruben an andern Stellen eiserne Pfeile und Bolzen aus. Die Aussicht von der Kuppe ist auf die nahen Felsenumgebungen beschränkt, da die umliegenden Höhen den Blick in die Ferne hemmen. Wir steigen auf demselben Wege hinab, welcher der einzige Zugang auf die Felsenplatte ist, und westlich an der hohen Wand fortwandernd, erblicken wir wieder viele Höhlen, worin man gleichfalls Spuren früherer Benutzung bemerken kann. An der hintersten Seite, wo die Wände sich spalten und viele eingehauene Falze sichtbar sind, will die Sage den Platz der ehemahligen Burgkapelle finden. Einer der alten Burgherren, erzählt die Ueberlieferung, entführte einst ein Fräulein von einem Schlosse in der Umgegend, und ließ darauf einen Geistlichen mit Gewalt aus seiner Wohnung in der Nachbarschaft hohlen und auf die Felsenburg bringen, der ihn hier mit der geraubten Braut trauen mußte, und eine Zeitlang vest gehalten wurde, um den Gottesdienst zu besorgen. Alles aber, was man von dieser Felsenburg auf dem Arnstein erzählt, gründet sich bloß auf dürftige Ueberlieferung, die von den angegebenen Spuren ehemahliger Ansiedelung nur schwach unterstützt wird, und es möchte wohl nicht jeder in den Umrissen von drei Blättern mit einer dolchartigen Figur, die man unten am Fuße der Felsenwand, wo ein Thor gestanden haben soll, eingehauen sieht, gleich ein altes Wappen erkennen.[10] Bei aller Unfruchtbarkeit der ältern Geschichte, ist es doch auffallend, gar keine urkundlichen Spuren von den Burgen zu finden, womit man so viele Felsen in diesem Gebirglande freigebig bebaut hat. Niemand wird bei mehren derselben die frühere Bewohnung abläugnen wollen; selbst in ältern Zeiten aber haben sie kaum lange zu Wohnsitzen, sondern wohl nur als augenblickliche Zuflucht gedient, und leicht möchten sich in den meisten Fällen alle Spuren ehemahliger Ansiedelung oder Bevestigung auf die Zeit zurück führen lassen, wo während des dreißigjährigen Krieges Flüchtlinge hier Rettung suchten. Aus diesem Umstande, aus dem Mangel einer alten Geschichte, möchte denn auch der Mangel eigenthümlicher, das Gebiet der Vorzeit sinnig schmückenden Ueberlieferungen zu erklären sein. Die Sage wurzelt im Boden der Geschichte. Auch andre Reisende haben, so viel wir wissen, vergebens nach solchen, noch unter dem Volke lebenden Sagen geforscht, womit die Fantasie, sollte man meinen, die wunderbare Felsenwelt hier beleben müßte, wenn diese wirklich einmahl belebt gewesen wäre. Alles der Art, was man eingesammelt hat, ist entweder dürftig und ohne heimisches Leben, ohne örtliche Eigenheit, oder aus neuerer Zeit, z. B. die anziehendste dieser Sagen, die bekannte Erzählung von dem Ursprung des Nahmens hohe Liebe, wie sie im Munde des Volkes lebt. Wer glücklicher im Sammeln sein sollte, möge seinen Fund mittheilen.