Unter den gemeinnützigen Anstalten ist außer der, aus einer ehemahligen Gelehrtenschule entstandenen Bürgerschule, der Schule für die Kinder in den Kattunfabriken und der 1822 gestifteten katholischen Schule, vorzüglich die Waisenanstalt des meißnischen Kreises zu erwähnen, die gleich nach dem Ende des letzten Krieges, der so viele Kinder zu Waisen gemacht hatte, durch die im Lande gesammelten milden Beiträge und durch englische Hilfgelder gegründet wurde. Die Anstalt ist dadurch zu einem nicht unbedeutendem Vermögen gekommen, erhält aber noch jährlich Unterstützungen aus öffentlichen Kassen und durch Geschenke, und erzieht in einem wohl eingerichteten Gebäude 50 Waisen. Die Leitung der Anstalt besorgt ein Ausschuß von sechs Männern mit Theilnahme des Frauenvereins in Pirna und die Oberaufsicht führt eine eigene Behörde, an deren Spitze der Kreishauptmann steht. Die Knaben werden außer den Unterrichtstunden mit Feldarbeit, Spinnen und mit Verfertigung ihres Anzuges beschäftigt, und die Mädchen müssen überdieß die wirthschaftlichen Arbeiten im Hause besorgen.

Handel, Schifffahrt und Kattunfabriken sind die vorzüglichsten Erwerbzweige der Einwohner. Vor den Handelstörungen, die der Krieg herbei führte, war der Verkehr, besonders in Colonialwaaren, die häufig von hier nach Böhmen gingen, sehr bedeutend, und es ist zu erwarten, daß auch hier die Freiheit der Elbschifffahrt ihn wieder beleben werde. Auf dem Strome werden vorzüglich Sandsteine aus den benachbarten Brüchen, und gute Töpferwaaren, wovon jährlich mehre Schiffladungen nach Niedersachsen gehen, ausgeführt. Das alte, schon im 13ten Jahrhunderte erworbene Stapelrecht, nach welchem alle, mit Getreide und Kaufmannsgütern beladene Schiffe in Pirna drei Tage anlegen, feil halten und eine Abgabe bezahlen sollten, war schon lange fast ganz unbräuchlich geworden, und ist nun durch die Elbschifffahrt-Akte für immer aufgehoben. Zwei Kattunfabriken beschäftigen über 100 Arbeiter und geben mehren 100 Menschen in der Umgegend Nahrung. Die Leinweberei ist dagegen auch hier seit einigen Jahrzehnden in Verfall gerathen. Eine, vor einigen Jahren angelegte Steingutfabrik liefert gute Waare in schwarzer, gelber und weißer Masse.

Die Stadt ist zum Theil von einer Lindenallee umschlossen und ihre Umgebungen sind neuerlich durch die Abtragung zweier alten Thürme über dem Dohnaischen- und Elbthore noch freundlicher geworden. Auf einer vorspringenden Felsenecke südöstlich von der Stadt liegt das Schloß

Sonnenstein,

wozu eine, hinter der Stadtkirche ansteigende Treppe führt, die uns zunächst auf den Altan vor der Schloßschenke bringt, wo wir, 162 Par. Fuß über der Elbfläche bei Dresden, eine ungemein schöne Aussicht genießen. Schon um die Mitte des 13ten Jahrhunderts stand hier eine meißnische Gränzveste, die im Jahre 1573 zum Theil abgetragen und neu erbaut wurde. Man hielt diese Veste lange für eine wichtigere Schutzwehr als den Königstein, und sie diente, wie dieser, auch zu einem Staatsgefängnisse. Der unglückliche Patkul wurde hier seit 1705 aufbewahrt, bis er endlich, nach den Bedingungen des Friedens von Alt-Ranstädt, im Jahre 1707 der grausamen Rache Karls XII. ausgeliefert werden mußte, nachdem mehre, ihm auf Augusts heimlichen Befehl gegebene Gelegenheiten zur Flucht waren vereitelt worden, weil er zu geizig über das Lösegeld mit dem Befehlhaber der Veste unterhandelt haben soll. Im Jahre 1758 eroberten die Preußen das Schloß und schleiften die Außenwerke. Es wurde seitdem lange von verabschiedeten Offizieren und Offizierwitwen bewohnt, bis es bei der Anlegung der Vestung Torgau für die, seit 1781 mit dem dortigen Zucht- und Armenhause verbunden gewesene Pfleganstalt für Seelenkranke eingerichtet ward. Im Julius 1811 wurde die neu begründete Anstalt, die aber mehr, als es früher der Fall gewesen war, die Heilung der Irren als Hauptzweck verfolgen sollte, unter der ärztlichen Leitung des Dr. Pienitz eröffnet, und im folgenden Jahre der Bau größtentheils vollendet. Kaum aber war die gleich anfangs musterhaft eingerichtete Anstalt unter der eifrig sorgenden Oberaufsicht der königlichen Commission für die Straf- und Versorganstalten glücklich gediehen, als das Schloß im Spätsommer 1813 geräumt werden mußte, um wieder als Veste zu dienen. Bei der Eile und Härte, womit die französischen Kriegsbehörden die Räumung betrieben, wurde die Anstalt fast ganz aufgelöset.[14] Nach der Uebergabe des Schlosses im November 1813 aber, sorgte man so thätig für die Wiedereinrichtung desselben, daß schon im Februar des folgenden Jahres viele Kranke zurück kehren konnten. Zwei Jahre später war die Wiederherstellung des Schlosses vollendet und am 2. November 1817 ward auch die erneuerte Kirche feierlich eingeweiht.

Die Anstalt ist hauptsächlich für heilbare Seelenkranke, aber auch für Personen von besserer Erziehung bestimmt, die sich zur Aufnahme in eine Versorganstalt eignen. Unheilbare Kranke werden an das Irrenhaus in Waldheim abgegeben. Die Pfleglinge zerfallen in 3 Klassen, und nach dieser Abtheilung sind die Kosten der Verpflegung verschieden. In der ersten Klasse beträgt das Kostgeld bis zu 150 Thalern für Wohnung, Tisch und ärztliche Pflege, jedoch wird für Frühstück, Wäsche und Kleidung besonders bezahlt, was in den andern Klassen nicht der Fall ist. Die zur dritten Klasse gehörenden Gemeinen haben für ein Pfleggeld von höchstens 60 Thalern geringere Kost und gleichförmige Kleidung. Arme Inländer werden ganz unentgeltlich aufgenommen. Die Kost ist gut und nach dem Zustande der Kranken sorgfältig eingerichtet. Nach vierjährigem Durchschnitt wurde ungefähr ⅙ der Aufgenommenen theils völlig genesen entlassen, theils auf unbestimmte Zeit beurlaubt, da es Grundsatz der Anstalt ist, den Genesenen vor ihrer völligen Entlassung erst einen unbestimmten Urlaub zu geben, um über die Fortdauer des Gesundheitzustandes derselben unter veränderten Umgebungen Versuche zu machen. Mit dem Urlaubpasse erhält der Pflegling eine gedruckte musterhafte Anweisung für die Ortsobrigkeiten und Verwandten der Beurlaubten, zur Behandlung der Genesenen.[15] Die Beamten der Anstalt bestehen aus dem Arzte, dem Hausverwalter, dem Geistlichen und dem Rechnungführer. Drei Aufseher theilen sich in die Aufsicht über die Pfleglinge und die strenge Beobachtung der Hausordnung.

Die Anzahl der Kranken beträgt gewöhnlich über 200. Männliche und weibliche Pfleglinge sind völlig gesondert, und für die letzten ist das, von den übrigen Gebäuden getrennte Frauenhaus bestimmt. Gewöhnlich wohnen 2 bis 4 Kranke beisammen, selten Einer allein, Wüthende ausgenommen. Alle Pfleglinge stehen im Sommer um 5, im Winter um 6 Uhr auf. Die einzelnen Abtheilungen versammeln sich alsdann zum Frühstücke, und nach gemeinschaftlichem Gebete, beginnen um 7 Uhr die täglichen Arbeiten und Beschäftigungen. Um 12 Uhr speisen die verschiedenen Abtheilungen, wobei gleichfalls die Geschlechter abgesondert sind. Nach einer Erhohlungstunde fängt um 2 Uhr die Arbeitzeit wieder an, die bis 6 Uhr dauert. Nach dem Abendbrot ist eine Betstunde, worauf alle in ihre Kammern gehen, die jeden Abend von den Aufsehern untersucht werden. Der Arzt und der Hausverwalter ordnen die Arbeiten und Beschäftigungen der Pfleglinge gemeinschaftlich an, und zwar mit sorgfältiger Rücksicht auf die Kräfte und Anlagen der Einzelnen und auf Anregung angemessener Thätigkeit. Einigen Pfleglingen gibt man Beschäftigungen in den Gärten, oder bei häuslichen Arbeiten im Freien; Andern in den Arbeitzimmern. Die zur ersten Klasse gehörenden Kranken finden Unterhaltung in dem Musik- und Lesezimmer, wo eine zweckmäßig und vorsichtig gewählte Büchersammlung und verschiedene musikalische Instrumente aufbewahrt werden. Lustwandel in den Gärten, Kegelschub und Billard gewähren Unterhaltung. Auch sind Uebungen im Exerciren mit hölzernen Flinten eingeführt worden, die man heilsam gefunden hat. Wöchentlich einmahl werden von mehren Pfleglingen Konzerte gegeben. In der Behandlung der Kranken herrschen durchaus Theilnahme und Milde. Ketten, Zwangstuhl und Schläge sind verbannt; Zwangriemen und Zwanghemd werden nur bei Wuthanfällen gebraucht. In den schlimmsten Fällen dienen die, nach Autenrieths Angabe angelegten Tollstuben, wo die Thüren vester verwahrt, Oefen und Fenster durch hölzerne Gitter gesichert sind. Alle zur Heilung erfoderlichen Mittel sind vorhanden, z. B. eine musterhaft eingerichtete Badeanstalt, worin täglich über 40 Pfleglinge gebadet werden können, Tropfbäder, ein Sturzbad, ein galvanischer und electrischer Apparat, ein Drehstuhl, ein Schwungbett und ein Schwungrad für unbändig Wüthende.

Die Gesuche um Aufnahme in die Anstalt werden durch die Ortsobrigkeiten mit Beifügung ärztlicher Berichte über die Seelenkranken[16] an die königliche Commission gebracht. Es ist jedoch dem Arzte der Anstalt gestattet, Kranke als Pfleglinge bei sich aufzunehmen, und zwar sowohl Ausländer als Inländer, die Bedingungen werden aber in solchen Fällen mit ihm allein verabredet.[17]

Die reizende Umgegend von Pirna könnte uns leicht noch länger vesthalten, zumahl wenn wir von hier aus das anmuthige Thal der Gottleube (s. [S. 129].) und Gießhübel besuchen wollten. Andre Wanderungen von hier in das meißnische Hochland, z. B. durch die alte Posta (s. [S. 27].) oder über Wehlen (s. [S. 30].) nach der Bastei und nach Rathen, haben wir bereits früher angegeben. Eine Landstraße, die sich von Pirna durch die freundliche Ebene des Elbthals zieht, bringt uns in 4 Stunden nach Dresden.