Glücklicher- oder unglücklicherweise hatte ich so viele Gläser Burgunder mehr als billig getrunken und da hielt ich auch keine Maße. Meyer saß dabei, der immer gefaßt ist, und ihm war nicht wohl bei der Sache.
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In seinen allerletzten Lebensjahren wurde Goethe wieder viel vorsichtiger gegen den Wein; „ja man könnte behaupten, zu furchtsam“ meinte sein Arzt. Zwar blieb er bei dem Glas Madeira zum Frühstück und der Flasche leichtem Würzburger zu Mittag, nahm auch wohl zum Nachtisch ein ganz kleines Gläschen Tinto di Rota, aber wie sehr er auch Verlangen trug nach dem Punsch, den er von früher her abends um sechs Uhr gewöhnt war, oder gelegentlich nach Champagner, den er sehr liebte, so siegte doch stets, selbst gegen die Meinung des Arztes, seine Besorgnis, daß sie ihm schaden könnten.
Namentlich aber war Goethe sein ganzes Leben lang der Ansicht, daß uns der Wein zum geistigen Schaffen nichts nütze. Wir kommen noch darauf zurück. Und Das ist noch zu beachten, daß der Wein das einzige Gift und Reizmittel war, das Goethe gebrauchte, und daß er daran schon in seiner Jugend und von Vorfahren her gewöhnt war. An gebrannten Getränken und an Bier, auf das er oft schalt, hat er in seinem langen Leben nur ganz wenig zu sich genommen. Ebenso lehnte er Kaffee und Tee ab und haßte den Tabak, während fast alle seine Freunde entweder rauchten oder schnupften. Er roch nur an kölnischem Wasser, wenn er eine kleine Anreizung begehrte.
Alles in allem: Goethe hat den Wein zur Steigerung des Lebensgenusses und zur Würze der Mahlzeiten gebraucht, hat aber niemals seine Freiheit an ihn verloren. Dagegen hat er die Gefahr verkannt, die die Weingeistgetränke für seine Frau und namentlich für seinen heranwachsenden Sohn in sich trugen. Diesen Leichtsinn oder Mangel an Wissen und Vorsicht hat er schwer büßen müssen: Daran ist kein Zweifel möglich, wenn er auch seinen Kummer über das schlimme Ende seiner beiden Nächsten stillverschlossen im eigenen Innern verarbeitete.
[27] Der Neffe Rinaldo, der nach Augusts Tode wegen Ottiliens Unbrauchbarkeit viel für die geordnete Fortführung des Haushalts tat.
XIII.
Das Schaffen.
Der Fleiß ist ein Bedürfnis und eine natürliche Tugend kräftiger Persönlichkeiten: sie haben so viel zu erfassen, umzubilden, auszudrücken, daß ihnen jede Stunde kostbar und das längste Leben zu kurz erscheint. „Ars longa, vita brevis“ ist ihre Klage von altersher. Wer seine Persönlichkeit schätzt, hält seine Zeit wert und heilig.
Goethe war also zeitgeizig. Er verglich gern die Zeit mit Geld und Gut; hinterließ ihm der irdische Vater 10000 Gulden, so gab ihm der Schöpfer aller Dinge eine viel reichere Fülle von verwertbaren Lebensstunden: