Mein Erbteil, wie herrlich, weit und breit!

Die Zeit ist mein Besitz, mein Acker ist die Zeit.

„Er wußte sie wie Keiner zu nutzen, wahrhaft auszubeuten“ urteilte der Kanzler v. Müller, der uns auch den kleinen Zug erzählt, daß Goethe sich aus einem Gespräch mit dem König von Bayern einen Augenblick fortstahl, weil ihm ein Gedanke für die Fortsetzung der Faustdichtung gekommen war, der aufgeschrieben werden mußte. Tage völliger Muße kannte Goethe nicht; Sonn- und Feiertage waren von Werktagen nur wenig verschieden. Von seinem Neffen Rinaldo Vulpius, der ihm einen Brief von Jena nach Weimar mitnahm, schreibt er im Mai 1818:

Warum er schon wieder nach Weimar läuft, ist mir nicht deutlich. Wie die Menschen das Wort Feiertag hören, so sind sie alle verrückt, und Niemand denkt, daß er die größte Zeit seines Lebens müßig herumläuft oder gestreckt daliegt.

Selbst wenn er noch im Bette liegen wollte, begann er schon mit dem geistigen Schaffen. Da es ihn schmerzte, daß Schiller durch eine ungeschickte, ungesunde Lebensweise manche gute Stunde verlor, so gibt er ihm im Dezember 1796 einen Wink:

Ich muß Anstalt machen, meine Schlafstelle zu verändern, damit ich morgens vor Tage einige Stunden im Bett diktieren kann. Möchten Sie doch auch eine Art und Weise finden, die Zeit, die nur eigentlich höher organisierten Naturen kostbar ist, besser zu nutzen!

An denselben Freund schreibt er:

Es würde nicht schwer werden, sich so einzurichten, daß man auf der Reise selbst mit Sammlung und Zufriedenheit arbeiten könnte. Denn wenn sie zu gewissen Zeiten zerstreut, so führt sie uns zu andern desto schneller auf uns selbst zurück; der Mangel an äußern Verhältnissen, ja die Langeweile ist Demjenigen günstig, der Manches zu verarbeiten hat.

Goethe hat in der Tat recht viele Verse beim Halten der Postkutsche oder des eigenen Reisewagens oder an Gasthoftischen niedergeschrieben. Auch in Bade- und Kurorten verging kein Tag ohne Studium oder Hervorbringung; in Wiesbaden arbeitete er im Juni 1815 sogar 16 bis 17 Stunden täglich an der ‚Italienischen Reise‘ und diktierte auch in der Badewanne.

**
*