Ausbeuten der Zeit

Wer seine Zeit schätzt und seine noch ungetane Arbeit bedenkt, hütet sich vor aller Teilnahme an Bestrebungen und Arbeiten, auf deren glückliches Gelingen er nur geringen oder gar keinen Einfluß hat. Schon aus diesem Grunde war Goethe kein Politiker. Das kollegiale und erst recht das parlamentarische Arbeiten für den Staat erkannte er als eine ungeheuere Zeit- und Kraftvergeudung. Es werde immer das Minimum von Effekt hervorgebracht, wenn man mit Andern und durch Andere zu wirken hat, sagte er zu Riemer, und zum Kanzler: „Ich konnte nie zu Zwei etwas leisten; Diktatur oder Konsulat mit geteilter Gewalt!“ Und schon 1797 schrieb er an Heinrich Meyer:

In der Lage, in der ich mich befinde, habe ich mir zugeschworen, an Nichts recht teilzunehmen als an Dem, was ich so in meiner Gewalt habe wie ein Gedicht, wo man weiß, daß man zuletzt nur sich zu tadeln oder zu loben hat, an einem Werke, an dem man, wenn der Plan einmal gut ist, nicht das Schicksal des penelopeischen Schleiers erlebt. Denn leider in allen übrigen irdischen Dingen lösen einem die Menschen gewöhnlich wieder auf, was man mit großer Sorgfalt gewoben hat, und das Leben gleicht jener beschwerlichen Art zu wallfahrten, wo man drei Schritte vor und zwei zurück tun muß ... Zwar ist, ich gestehe es, ein solcher Entschluß sehr illiberal, und nur Verzweiflung kann einen dazu bringen; es ist aber doch besser, ein für allemal zu entsagen, als immer einmal über den andern Tag rasend zu werden.

Zeitungen

Goethe bekam zwar immer einige Zeitungen in’s Haus, aber oft las er sie Monate hindurch nicht. Nicht selten war er in die politischen Vorgänge durch seine Stellung oder seine Freunde besser eingeweiht als die Berichterstatter dieser Blätter, und dann entrüstete er sich über ihr leichtfertiges Umspringen mit der Wahrheit und mit den Gefühlen der an die Öffentlichkeit gezerrten Personen. Immer aber fürchtete er Zeit- und Stimmungsräuber in ihnen. An Zelter schreibt er einmal:

Es fällt einem doch mitunter auf, daß man durch die Kenntnis Dessen, was der Tag bringt, nicht klüger und nicht besser wird. Dieses ist von größter Wichtigkeit. Denn genau besehen ist es von Privatleuten doch nur eine Philisterei, wenn wir Demjenigen zuviel Anteil schenken, worin wir nicht wirken können ... Also wollen wir uns nicht mit Allotrien beschäftigen.

Im Jahre 1831 machte er sich den Spaß, eine Zeitung von 1826 gebunden zu lesen. Bei solcher Wiederholung wird „für den Menschen, der sich in den Kreis seiner Tätigkeit zurückzieht,“ erst recht klar, „daß man durch diese Tagesblätter zum Narren gehalten wurde, und daß weder für uns, noch für die Unsrigen, besonders im Sinn einer höheren Bildung, daher auch nicht das Mindeste abzuleiten war.“

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Geselligkeit

Die ‚Gesellschaft‘ und die ‚Geselligkeit‘ sind zwei Namen für ärgste Zeiträuber und Persönlichkeitsvernichter. Goethe wußte ihnen von Jugend auf zu begegnen. Nahm er an einer Gesellschaft teil, so behauptete er sich ihr gegenüber; er spielte nicht Karten und verwickelte sich nicht in Klatsch, sondern setzte auch hier sein Studium fort und befestigte sich lehrend im Gelernten. Zeichnen, Musikhören, Betrachten von Mineralien oder Medaillen oder Kupferstichen, Vorlesen, Lesen mit verteilten Rollen, Schilderungen von fremden Ländern: Das waren seine Unterhaltungen in geselligen Stunden. Auch Lustigsein, Trinken, Tanzen und allerlei Possenspiel ließ er als gute Zeitbenutzung gelten.