Aber er war für sich allein zu reich, um häufiger Gesellschaft zu bedürfen oder sie ertragen zu können. „Die Menschen sind wie das Rote Meer“ sagte er einmal, „der Stab hat sie kaum auseinander gehalten, gleich hinterher fließen sie wieder zusammen.“ Zu diesen Menschen gehörte Goethe nicht. „Ich weiß wohl“ sagte er schon 1784, „daß man, um die Dehors zu salvieren, das Dedans zugrunde richten soll; aber ich kann mich denn doch nicht wohl dazu verstehen.“ Als er drei Jahre später nach Rom kam, vermied er sorgfältig alle vornehmen Bekanntschaften und hielt sich zu guten Kameraden, die ihn nicht mit gesellschaftlichen Pflichten behängten. Als seine Anwesenheit dennoch bekannt wurde und er Einladungen und Besuche bekam, hatte er sich schon im Kreise der „Künstlerburschen“ befestigt. „Jedem war es nicht um mich zu tun“ schreibt er über die vornehmen Einladenden an Herder, „sondern nur: seine Partei zu verstärken. Als Instrument wollten sie mich brauchen, und wenn ich hätte hervorgehn, mich deklarieren wollen, hätte ich auch als Phantom eine Rolle gespielt. Nun, da sie sehen, daß nichts mit mir anzufangen ist, lassen sie mich gehen, und ich mache meinen sicheren Weg fort.“
So lernte er freilich die römischen Kardinäle und Prinzessinnen nicht kennen, aber er hatte Zeit und Raum, die ‚Iphigenie‘ umzuschreiben, den ‚Egmont‘ und ‚Tasso‘ zu fördern, in die Geheimnisse der bildenden Kunst einzudringen und nebenbei mit fröhlichen Gesellen vergnügt zu leben.
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Frau von Staël
Man kann sich keinen größeren Gegensatz denken als Goethe und die Frau v. Staël, die doch auch Dichterin und Denkerin sein wollte. Ihr war nur in Gesellschaft wohl; sie mußte stets der Mittelpunkt lauten Lebens sein; ihr herrliches Landgut bei Genf empfand sie als einen düstern Ort der Verbannung, weil Napoleon ihr den Aufenthalt in Paris verboten hatte. Als sie 1804 nach Weimar kam, empfanden Goethe und Schiller ihre gesellschaftlichen Ansprüche recht unbequem, obwohl die geistreiche Französin auch sie nicht kalt ließ. Goethe erzählt in seinen Annalen, wie ihre Salongeschäftigkeit mit dem ernsten Schaffen der deutschen Dichter und Gelehrten im Gegensatz war.
Sie wollte zu einer gewissen Tätigkeit aufregen, deren Mangel sie uns vorwarf. Da sie keinen Begriff hatte von Dem, was Pflicht heißt, und zu welcher stillen, gefaßten Lage sich Derjenige, der sie übernimmt, entschließen muß, so sollte immerfort eingegriffen, augenblicklich gewirkt sowie in der Gesellschaft gesprochen und verhandelt werden.
Auch zeigte gerade die Staël manche Oberflächlichkeit, wie sie die Geselligkeit anerzieht. Goethe erzählt weiter:
Frau v. Staël trat einen Abend vor der Hofzeit bei mir ein und sagte gleich zum Willkommen mit heftiger Lebhaftigkeit: „Ich habe Euch eine wichtige Nachricht anzukündigen! Moreau ist arretiert mit einigen Anderen und des Verrats gegen den Tyrannen angeklagt!“ Ich hatte seit langer Zeit, wie Jedermann, an der Persönlichkeit des Edeln teilgenommen und war seinem Tun und Handeln gefolgt; ich rief im stillen mir das Vergangene zurück, um nach meiner Art daran das Gegenwärtige zu prüfen und das Künftige daraus zu schließen oder doch wenigstens zu ahnen. Die Dame veränderte das Gespräch, dasselbe, wie gewöhnlich, auf mannigfache gleichgültige Dinge führend, und als ich, in meinem Grübeln verharrend, ihr nicht sogleich gesprächig zu erwidern wußte, erneuerte sie die schon oft vernommenen Vorwürfe: ich sei diesen Abend wieder einmal gewohnterweise maussade und keine heitere Unterhaltung bei mir zu finden. Ich ward wirklich im Ernst böse, versicherte, sie sei keines wahren Anteils fähig; sie falle mit der Tür in’s Haus, betäube mich mit derbem Schlag und verlange sodann, man solle alsobald sein Liedchen pfeifen und von einem Gegenstand zum andern hüpfen.
So hütete sich Goethe immer vor Angriffen auf sein Gemütsleben; zur Unterhaltung bedurfte er der Erschütterungen nicht, und seiner Arbeit waren sie schädlich. Da er nun einmal weich und empfindlich war, so schonte er sich demgemäß. In Tollhäuser, die jammervollen Vorläufer unserer heutigen Anstalten für Geisteskranke, konnte ihn auch sein Herzog nicht einzutreten bewegen. Ebenso ging er den Leichen aus dem Wege. „Warum“ sagte er bei Wielands Tode zu Falk, „warum soll ich mir die lieblichen Eindrücke von den Gesichtszügen meiner Freunde und Freundinnen durch die Entstellungen einer Maske zerstören lassen? Es wird ja dadurch etwas Fremdartiges, ja völlig Unwahres meiner Einbildungskraft aufgedrungen. Ich habe mich wohl in acht genommen, weder Herder, Schiller, noch die verwitwete Frau Herzogin Amalia im Sarge zu sehen. Der Tod ist ein sehr mittelmäßiger Porträtmaler. Ich will ein seelenvolleres Bild als seine Masken von meinen Freunden im Gedächtnis aufbewahren.“ Auch auf Bildern ließ er sich nichts Widerliches bieten. Sie sollten ihm Angenehmes sagen und ihn nicht an die Anatomie oder den Schindanger erinnern. Vor frommen Bildern hatte er auch deshalb Scheu, weil sie so oft Menschenquälerei darstellen. Ebenso schonte er seine Phantasie gegen die verwirrenden Eindrücke der Karikaturen. So wollte er im Alter keine Spottbilder auf Napoleon sehen. „Ich darf mir dergleichen widrige Eindrücke nicht erlauben, denn in meinem Alter stellt sich das Gemüt, wenn es angegriffen wird, nicht so schnell wieder her wie bei Euch Jüngeren.“ Als seine Schwiegertochter bei einem Sturze sich das Gesicht zerschunden hatte, sah er sie nicht, bis sie wiederhergestellt war.
Genau so wandte er die Augen ab von politischen Vorgängen, die ihn sehr ergriffen und innerlich beschäftigt hätten, ohne daß er doch Etwas dazu tun konnte, also besonders von Kriegsereignissen und Revolutionen. Seine anscheinende Gleichgültigkeit erregte dann oft Erstaunen und Mißfallen; aber er wußte, weshalb er so handelte. Gleich nach den Befreiungskriegen entstanden in den meisten deutschen Ländern sehr unerquickliche Zustände; zwischen den Volksgenossen zeigte sich ein politischer Haß, der zu schlimmen Taten führte. „Ungerechtigkeit und Unbilligkeit sind an der Tagesordnung“ schrieb Goethe damals (am 16. Januar 1818 an Antonie Brentano) und fuhr fort: