An meiner Tagesordnung ist die Maxime: man muß sich selbst schonen, wo Nichts geschont wird, und wie Diogenes sein Faß in der allgemeinen Verzweiflung hin und her wälzen.
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Man muß sich selbst schonen
Oft mußte Goethe alle Gesellschaft meiden und sich selbst von Frau und Kind abschließen, wenn er Etwas fertig bringen wollte.
Dem Gegenstande, der ihn beschäftigte, gehörte er jedesmal ganz an, identifizierte sich mit ihm nach allen Seiten und wußte, während er irgend eine wichtige Aufgabe sich gesetzt, alles seinem Ideengang Fremdartige standhaft abzulehnen ... Nicht immer jedoch gelang ihm jene augenblickliche Konzentration, und seiner übermächtigen Empfänglichkeit und Reizbarkeit wohl bewußt, griff er dann oft zu den extremsten Mitteln und schnitt plötzlich, wie im Belagerungszustande, alle Kommunikation nach außen gewaltsam ab. Kaum aber hat die Einsamkeit ihn von der Fülle anströmender Ideen entbunden, so erklärt er sich wieder befreit, neuen Interessen zugänglich, knüpft die früheren Fäden sorgsam an, und schwimmt und badet in frischen Elementen weit ausgebreiteten Daseins und Wissens, bis eine neue unbezwingliche Metamorphose ihn abermals zum Einsiedler umschafft.[28]
Gewöhnlich entwich Goethe auf Wochen oder Monate nach dem damals noch recht kleinen Jena; seltener zog er in’s Gartenhaus, wo ihn dann die Seinigen nicht stören durften. „Denn dabei bleibt es nun einmal: daß ich ohne absolute Einsamkeit nicht das Mindeste hervorbringen kann. Die Stille des Gartens ist mir auch daher vorzüglich schätzbar.“ So schreibt er im August 1799 an Schiller, und drei Tage später heißt es schon wieder: „Denn in einer so absoluten Einsamkeit, wo man durch gar nichts zerstreut und auf sich selbst gestellt ist, fühlt man erst recht und lernt begreifen, wie lang ein Tag sei.“ Wohl hatte Christiane oft große Sehnsucht nach ihm, und die kurzen Besuche, die ihr gestattet waren, erschienen ihr als allzu seltene Festtage. Dann schrieb sie ihm wohl:
Es wird fieleicht mit den arbeyden Hier beser gehn als sond du kanns hier wie in Jena in bete dickdiren und ich will des Morchens nicht ehr zu dir komm biß du mich verlangst auch der Gustell soll Frühe nicht zu dir komm. Komm nur balt.
Aber sie fügte sich auch willig, wenn er in seiner freundlichen Weise ihr meldete, daß die gesetzte Aufgabe noch nicht bewältigt sei, und unverdrossen sorgte sie dann, was sie an guten Speisen und Getränken für ihn den Botenweibern mitgeben könne.
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Briefwechsel