Die Geselligkeit der Entfernten ist der Briefwechsel. Auch die Antwort fordernden Briefschreiber gehören zu den ärgsten Zeiträubern, und wenn Goethe einmal sagt: „Wer für die Welt etwas tun will, muß sich nicht mit ihr einlassen“, so dachte er dabei nicht zuletzt an die Übel der schriftlichen Unterhaltung. „Mit Briefantworten muß man nolens volens Bankerott machen“ sagte er 1830 zum Kanzler und drei Jahre früher zu Eckermann: „Sie sehen ja selbst, wie Das bei mir geht und welche Zusendungen von allen Ecken und Enden täglich bei mir einlaufen, und müssen gestehen, daß dazu mehr als ein Menschenleben gehören würde, wenn man Alles nur flüchtig erwidern wollte.“ Schon in jungen Jahren kam er zu dem Vorsatz, eine große Zahl von Briefen nicht zu beantworten. Der ihm befreundete Statthalter Karl v. Dalberg in Erfurt, der nachmalige Großherzog von Frankfurt, bekam eine Unmenge literarischer Zusendungen, weil er als ein sehr wohlwollender Liebhaber vieler Wissenschaften und Künste bekannt war. In einem Briefe an Zelter erzählt Goethe von diesem alten Freunde:
Nun besaß er zwar ausgebreitete Kenntnisse, um solchen Fällen genug zu tun, aber wo hätte er Zeit und Besinnung hergenommen, um einem Jeden vollkommene Gerechtigkeit widerfahren zu lassen? Er hatte sich daher einen gewissen Stil angewöhnt, wodurch er die Leerheit seiner Antworten verschleierte und Jedem etwas Bedeutendes zu sagen schien, indem er etwas Freundliches sagte. Es müssen dergleichen Briefe noch zu Hunderten herumliegen. Ich war von solchen Erwiderungen öfters Zeuge; wir scherzten darüber, und da ich eine unbedingte Wahrheitsliebe gegen mich und Andere zu behaupten trachtete, so schwur ich mir hoch und teuer, in gleichem Falle, mit dem mich meine damalige Zelebrität schon bedrohte, mich niemals hinzugeben, indem sich dadurch denn doch zuletzt alles reine, wahrhafte Verhältnis zu den Mitlebenden auflösen und zerstieben muß. Daher folgt denn, daß ich von jeher seltener antwortete, und dabei bleibt’s denn auch jetzt in höheren Jahren, aus einer doppelten Ursache: keine leeren Briefe mag ich schreiben, und bedeutende führen mich ab von meinen nächsten Pflichten und nehmen mir zuviel Zeit weg.
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Heimlichkeit
Die Absonderung von den Menschen um des Werkes willen zeigte sich bei Goethe auch oft als Verschwiegenheit und Heimlichtun. Der Kanzler erzählt:
Das Geheimnis hatte überhaupt stets für Goethe einen ganz besonderen Reiz, vorzüglich darum, weil es vor Entweihung würdiger Vorsätze und Bestrebungen sichert, ihr Gelingen erleichtert und die Willenskräfte der Verbündeten steigert. So hat er denn auch im Leben, ja, selbst in alltäglichen Vorkommnissen diese Liebe zum Geheimnis betätigt und nur selten und ungern über die nächsten Anordnungen und Beschlüsse sich im voraus mitgeteilt. Noch unangenehmer war es ihm, wenn man sein Vorhaben erriet oder Irgendetwas, was er erst später vorzeigen oder eröffnen wollte, vorzeitig entdeckte oder zur Sprache brachte. Seine Naturbetrachtungen hatten ihn gelehrt, wie alles Große und Bedeutende nur im stillen sich vorbereite, wachse und entwickle; seine Welterfahrung ihm bewiesen, daß die edelsten Unternehmungen, voreilig enthüllt, meist den feindseligsten Gegenwirkungen ausgesetzt sind.
Goethe spricht diese Sinnesart öfters in seinen Gedichten aus. Sein Märchen vom getreuen Eckhart schließt: „Verplaudern ist schädlich, verschweigen ist gut: dann füllt sich das Bier in den Krügen.“ In den ‚Römischen Elegien‘ erhebt er die Verschwiegenheit gar in den Rang der Götter:
Zieret Stärke den Mann und freies mutiges Wesen,
O so ziemet ihm fast tiefes Geheimnis noch mehr.
Städtebezwingerin du, Verschwiegenheit! Fürstin der Völker!