Teure Göttin, die mich sicher durch’s Leben geführt!

Und in der ‚Natürlichen Tochter‘ wiederholt er:

Geheimnis nur verbürget unsre Taten;

Ein Vorsatz, mitgeteilt, ist nicht mehr dein!

Der Zufall spielt mit deinem Willen schon;

Selbst wer gebieten kann, muß überraschen.

Gern erzählte Goethe, wie er in Jena die Universitätsbibliothek in Ordnung gebracht habe.[29] Sie befand sich in einem entsetzlichen, feuchten und beschränkten Raume. Goethe, mit Vollmacht von den Erhalter-Fürsten ausgestattet, machte den Professoren den Vorschlag, ihm den an die Bibliothek anstoßenden Konferenzsaal der medizinischen Fakultät zu überlassen, damit er die bisherige Bibliothek besser unterbringen und auch die vom Großherzog geschenkten 13000 Bände hinzufügen könnte. Man lehnt ab, verlangt als Ersatz einen neuen Saal, der zwar versprochen, aber nicht sofort erbaut werden kann. Das bloße Versprechen will dem akademischen Kollegium nicht genügen; der verlangte Saal wird verschlossen, und der Schlüssel „läßt sich nicht finden.“ Nun läßt Goethe einen Maurer in die alte Bibliothek kommen und sagt ihm: „Die Scheidemauer da muß stark sein, denn sie trennt zwei Quartiere voneinander. Machen Sie sich einmal daran, mein Freund, Dies zu untersuchen.“ Der Maurer legt Hand an; bald ist der Putz weggestoßen; eine leichte Ziegelwand wird sichtbar. Dann entsteht ein Loch, wodurch man die alten Gemälde des Konferenzsaales: Gelehrte in großen Perücken, schon erblicken kann. „Nur weiter, mein Freund!“ sagt Goethe, „ich sehe noch nicht deutlich genug.“ Das Loch wird größer. „Immer noch ein wenig! Genieren Sie sich ja nicht! Tun Sie, als ob Sie zu Hause wären.“ Der Maurer schlägt weiter ein, und bald ist die Öffnung so, daß sie als Tür gelten kann. Nun dringen die Bibliothekare hindurch und werfen Bücher auf den Fußboden des eroberten Saales, als Zeichen der Besitzergreifung. Im Handumdrehen sind Bänke, Pulte, Stühle, Gemälde weggeräumt; nach ein paar Tagen stehen ein paar tausend Bücher in ihren Regalen. Ganz verblüfft erscheinen die Professoren an der Tür des neuen Bibliotheksaales, als sie endlich erfahren, was hier vorgegangen ist. Sie schelten und zürnen und – fügen sich in’s Geschehene.

Poetisches und wissenschaftliches Schaffen ist von solchem politischen Handeln grundverschieden, aber auch als Dichter war Goethe für größte Heimlichkeit. Er wunderte sich, daß Schiller seine entstehenden Werke mit ihm so gern durchsprach, oft Szene für Szene eines Dramas. Solches Offenbaren unfertiger Dichtung sei ganz gegen seine Natur gewesen, sagte Goethe zu Eckermann: „Ich trug Alles still mit mir herum, und Niemand erfuhr in der Regel Etwas, als bis es vollendet war.“ Aber Goethe sagte doch auch über seine poetischen Werke: „Es ist nicht gut, daß der Mensch allein sei, und besonders nicht, daß er allein arbeite; vielmehr bedarf er der Teilnahme und Anregung, wenn Etwas gelingen soll.“ Er bedurfte der Anregung von außen, um seine Träume niederzuschreiben; er empfand es auch als große Förderung, wenn Kenner wie Herder, Wieland und Schiller seine fertigen Werke durchgingen und lobten und tadelten; aber im eigentlichen Dichten, im ersten Schaffen, hätte der beste Helfer und Ratgeber ihn nur gestört und verwirrt. Sein Schaffen war ein unbewußtes, nachtwandlerisches; er trug seine Gestalten und Geschichten oft jahrelang im Geiste herum, „als anmutige Bilder, als schöne Träume, die kamen und gingen, und womit die Phantasie mich spielend beglückte.“ Wenn sie ganz durchlebt waren, standen sie dann auch rasch auf dem Papiere. „Während wir Andern“, schrieb Schiller an Heinrich Meyer, „mühselig sammeln und prüfen müssen, um etwas Leidliches langsam hervorzubringen, darf er nur leis an dem Baum schütteln, um sich die schönsten Früchte, reif und schwer, zufallen zu lassen.“

Arbeitsgemeinschaft

Bei wissenschaftlichen Arbeiten ist dagegen viel mehr Geselligkeit nötig und gegenseitige Unterstützung unentbehrlich, zumal wenn man, wie der alte Goethe, große Stücke der Welt übersehen und recht viel Wissensstoff verarbeiten möchte. Um der Wissenschaft willen trat er mit vielen Menschen verschiedenster Berufsart und Landsmannschaft in Verkehr.