Sobald Menschen von scharfen, frischen Sinnen auf Gegenstände aufmerksam gemacht werden, findet man sie zu Beobachtungen so geneigt als geschickt. Ich habe Dieses oft bemerken können, seitdem ich die Lehre des Lichts und der Farben mit Eifer behandle und, wie es zu geschehen pflegt, mich auch mit Personen, denen solche Betrachtungen sonst fremd sind, von Dem, was mich soeben interessiert, unterhalte. Sobald ihre Aufmerksamkeit nur rege war, bemerkten sie Phänomene, die ich teils nicht gekannt, teils übersehen hatte, und berichtigten dadurch gar oft eine zu voreilig gefaßte Idee, ja gaben mir Anlaß, schnellere Schritte zu tun ... Es gilt also auch hier, was bei so vielen andern menschlichen Unternehmungen gilt, daß nur das Interesse Mehrerer, auf einen Punkt gerichtet, etwas Vorzügliches hervorzubringen imstande sei. Hier wird es offenbar, daß der Neid, welcher Andere so gern von der Ehre einer Entdeckung ausschließen möchte, daß die unmäßige Begierde, etwas Entdecktes nur nach seiner Art zu behandeln und auszuarbeiten, dem Forschen selbst das größte Hindernis sei. Ich habe mich bisher bei der Methode, mit Mehreren zu arbeiten, zu wohl befunden, als daß ich nicht solche fortsetzen sollte.[30]
Goethes Briefwechsel im Alter ist denn auch vorwiegend ein wissenschaftlicher, und seine Altersfreunde bildeten um ihn herum eine Haus-Akademie der Wissenschaften.
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Erzwungenes Hervorbringen
Um noch einmal zur Poesie zurückzukehren, so war Goethe geradezu der Meinung, daß Schiller sich durch seine Arbeitsart getötet habe. Zu Conta sagte er 1820: „Ich behauptete immer, der Dichter dürfe nicht eher an’s Werk gehen, als bis er einen unwiderstehlichen Drang zum Dichten fühle ... Schiller dagegen wollte Das nicht gelten lassen. Er behauptete, der Mensch müsse können, was er wolle, und nach dieser Manier verfuhr er auch.“ Manchmal warnte Goethe in seiner vorsichtigen Weise den Freund: „Ich fürchtete, die Musen niemals wiederzusehen“ schreibt er 1798 an Schiller, „wenn man nicht aus Erfahrung wüßte, daß diese gutherzigen Mädchen selbst das Stündchen abpassen, um ihren Freunden mit immer gleicher Liebe zu begegnen.“
Der Gedanke, daß man ohne Stimmung und Neigung nichts Tüchtiges hervorbringen kann, läßt sich auch dahin erweitern, daß wir uns bemühen sollen, die vorgesetzte Arbeit zu lieben; zuweilen kann man Das ja erreichen. In einem Briefe an Zelter spricht Goethe von einer neuen Bühnenbearbeitung des ‚Götz‘:
Ich begriff nicht, warum ich seit einem Jahre in dieser Arbeit penelopeisch verfuhr, und, was ich gewoben hatte, immer wieder aufdröselte. Da las ich in Ihrem Aufsatz: was man nicht liebt, kann man nicht machen. Da ging mir ein Licht auf, und ich sah recht gut ein, daß ich die Arbeit bisher als ein Geschäft behandelt hatte, das eben auch so mit andern weggetan sein sollte, und deswegen war es auch geschehen, wie’s getan war, und hatte keine Dauer. Nun wendete ich mehr Aufmerksamkeit und Neigung mit mehr Sammlung auf diesen Gegenstand, und so wird das Werk, ich will nicht sagen gut, aber doch fertig.
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Wein als Reizmittel
Manche Dichter brauchen starken Kaffee oder Wein, um die Stimmung zu erzwingen. Goethe spottete gegen Schiller über Jean Paul, der nur Kaffee zu trinken brauche, „um so gerade von heiler Haut Sachen zu schreiben, worüber die Christenheit sich entzückte.“ Und wenn er um dieselbe Zeit von sich selber sagte, er könne sechs Monate seine Arbeit voraussagen, weil er sich durch eine gescheidte leibliche Diät vorbereite, so war Das kein Selbstlob, sondern eine verhüllte Mahnung an den Zuhörer, nämlich eben an Jean Paul: er möge doch seine Lebensweise im Essen und Trinken einer nötigen Prüfung unterziehen.