Ausführlich behandelte Goethe dieses wichtige Thema der Reizmittel zu geistiger Arbeit im März 1828 in einem Gespräche mit Eckermann. Dieser fragte: „Gibt es denn kein Mittel, um eine produktive Stimmung hervorzubringen oder zu steigern?“ Und Goethe erwiderte:
Jede Produktivität höchster Art, jeder große Gedanke, der Früchte bringt und Folgen hat, steht in Niemandes Gewalt und ist über aller irdischen Macht erhaben. Dergleichen hat der Mensch als unverhoffte Geschenke von oben, als reine Kinder Gottes zu betrachten, die er mit freudigem Danke zu empfangen und zu verehren hat. Es ist dem Dämonischen verwandt, das übermächtig mit ihm tut, wie es beliebt, und dem er sich bewußtlos hingibt, während er glaubt, er handle aus eigenem Antriebe. In solchen Fällen ist der Mensch oftmals als ein Werkzeug einer höheren Weltregierung zu betrachten, als ein würdig befundenes Gefäß zur Aufnahme eines göttlichen Einflusses. – –
Sodann aber gibt es eine Produktivität anderer Art, die schon eher irdischen Einflüssen unterworfen ist und die der Mensch schon mehr in seiner Gewalt hat, obgleich er auch hier noch sich vor etwas Göttlichem zu beugen Ursache findet. In diese Region zähle ich alles zur Ausführung eines Plans Gehörige, alle Mittelglieder einer Gedankenkette, deren Endpunkte bereits leuchtend dastehen; ich zähle dahin alles Dasjenige, was den sichtbaren Leib und Körper eines Kunstwerks ausmacht.
Goethe zeigte nun diesen Unterschied der mehr göttlichen und der mehr menschlichen Produktivität am ‚Hamlet‘; gerade dessen Dichter machte ihm so recht den Eindruck eines gesunden, vollkräftigen Menschen, der jederzeit eine frühere geniale Eingebung im einzelnen und kleinen verwerten konnte. Dann schienen seine Gedanken von Shakespeare auf Schiller überzufließen.
Gesetzt aber, eines dramatischen Dichters körperliche Konstitution wäre nicht so fest und vortrefflich und er wäre vielmehr häufigen Kränklichkeiten und Schwächlichkeiten unterworfen, so würde die zur täglichen Ausführung seiner Szenen nötige Produktivität sicher sehr häufig stocken und oft wohl tagelang gänzlich mangeln. Wollte er nun etwa durch geistige Getränke die mangelnde Produktivität herbeinötigen und die unzulängliche dadurch steigern, so würde Das allenfalls auch wohl angehn, allein man würde es allen Szenen, die er auf solche Weise gewissermaßen forciert hätte, zu ihrem großen Nachteil anmerken. Mein Rat ist daher, nichts zu forcieren und alle unproduktiven Tage und Stunden lieber zu vertändeln und zu verschlafen, als in solchen Tagen Etwas machen zu wollen, woran man später keine Freude hat.
Eckermann warf ein, daß er vom Weine doch eine bessere Meinung habe; mindestens führe sein Genuß zu Entschlüssen, und Das sei doch auch eine Art Produktivität. Da mußte Goethe an seine Verse im ‚Divan‘ denken: „Wenn man getrunken hat, weiß man das Rechte,“ aber sogleich kam er doch auf die wahren, großen Ernährer des Geistes zu sprechen:
Es liegen im Wein allerdings produktivmachende Kräfte sehr bedeutender Art; aber es kommt dabei Alles auf Zustände und Stunde an, und was dem Einen nützt, schadet dem Andern. Es liegen ferner produktivmachende Kräfte in der Ruhe und im Schlaf; sie liegen aber auch in der Bewegung. Es liegen solche Kräfte im Wasser und ganz besonders in der Atmosphäre. Die frische Luft des freien Feldes ist der eigentliche Ort, wo wir hingehören! Es ist, als ob der Geist Gottes dort den Menschen unmittelbar anwehte und eine göttliche Kraft ihren Einfluß ausübte. Lord Byron, der täglich mehrere Stunden im Freien lebte, bald zu Pferde am Strande des Meeres reitend, bald im Boote segelnd oder rudernd, dann sich im Meere badend und seine Körperkraft im Schwimmen übend, war einer der produktivsten Menschen, die je gelebt haben.
Ein andermal tadelte Goethe seines großen Freundes Arbeitsart noch schärfer:
Schiller hat nie viel getrunken, er war sehr mäßig; aber in solchen Augenblicken körperlicher Schwäche suchte er seine Kräfte durch etwas Likör oder ähnliches Spirituoses zu steigern. Dies aber zehrte an seiner Gesundheit und war auch den Produktionen selbst schädlich. Denn was gescheite Köpfe an seinen Sachen aussetzen, leite ich aus dieser Quelle her. Alle solche Stellen, von denen sie sagen, daß sie nicht just sind, möchte ich pathologische Stellen nennen, indem er sie nämlich an solchen Tagen geschrieben hat, wo es ihm an Kräften fehlte, um die rechten und wahren Motive zu finden.
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