Plan und Ordnung

Als Dichter mußte Goethe oft untätig sein; er konnte und wollte nicht der Aufforderung seines Theaterdirektors folgen: „Gebt ihr euch einmal für Poeten, So kommandiert die Poesie!“ Aber deshalb brauchte er keine einzige Stunde zu verlieren: er war ja auch Gelehrter, Verwaltungsmann und Freund seiner Freunde.

Wechsel der Tätigkeit war ihm die einzige Erholung, und wenn man aus seinen Tagebüchern, die er regelmäßig in zweien Abschnitten des Tages diktierte, ersieht, wie noch im höchsten Lebensalter er von frühster Morgenstunde an in ruhig abgemessener Folge sich einer Unzahl von literarischen Arbeiten, brieflichen Mitteilungen, geschäftlichen Expeditionen, Prüfung und Beschauung von eingesendeten Produktionen und Kunstwerken, ernster und heiterer Lektüre der mannigfachsten Art gewidmet, so muß man es ihm hoch anrechnen, ja bewundern, daß er gleichwohl sich geneigt finden ließ, fast täglich einige Stunden besuchenden Fremden oder Einheimischen hinzugeben.[31]

Die große Ordnung, auf die er streng hielt, das Planvolle in seinen Arbeiten war ein ferneres wichtiges Mittel, wodurch er sich vor Zeitverlust schützte. Jahre oder Jahrzehnte hindurch sammelte er Material für zukünftige Schriften. Als Knebel über Lukrez schrieb, beklagte es Goethe, daß der alte Freund keine Kollektionen, keine Akten darüber habe; darum sei es ihm schwer, produktiv und positiv zu sein. „Da habe ich ganz anders gesammelt, Stöße von Exzerpten und Notizen über jeden Lieblingsgegenstand!“

Für jede Arbeit entwarf er ferner eine sorgfältige Disposition, überdachte die Hauptteile und Unterabteilungen, sammelte dann für die einzelnen Kapitel Tatsachen und Gedanken; so konnte er bald an diesem, bald an jenem Teile des Werkes schreiben, je nachdem er aufgelegt war, und so kamen ihm seine Vorarbeiten oft nach Jahrzehnten noch zugute.

Bei dem vielen Zeug, das ich vorhabe, würde ich verzweifeln, wenn nicht die große Ordnung, in der ich meine Papiere halte, mich in den Stand setzte, zu jeder Stunde überall einzugreifen, jede Stunde in ihrer Art zu nutzen und Eins nach dem Andern vorwärts zu schieben.

So schreibt er selber an Schiller im Mai 1798, und der Kanzler urteilte nach seinem Tode, seine Ordnungsliebe sei fast bis in’s Unglaubliche gegangen.

Nicht nur, daß alle eingegangenen Briefe und ebenso die Konzepte oder Kopien aller abgesendeten monatlich in gesonderte Bände geheftet und über einzelne Unternehmungen, z. B. selbst über jeden Maskenzug, den er anordnete, wieder eigene Aktenstücke gebildet wurden – er entwarf auch periodische Tabellen über die Ergebnisse seiner vielseitigen Tätigkeit, Studien und Fortschritte persönlicher oder innerer Verhältnisse, aus denen dann am Jahresschlusse wieder gedrängte Hauptübersichten zusammengestellt wurden.

Selbst die Zeitungen, die er las, wurden aktenmäßig geheftet.

Wichtiger als dieses Sammeln und Einordnen ist die Ordnung und Beherrschung der Arbeitsstoffe durch fleißiges Bedenken. In Goethes Tagebüchern lesen wir neben andern Tätigkeiten oft: „Das Vorliegende durchdacht“ oder „das Jüngstvergangene überdacht“ oder „Überlegung des Gegenwärtigen“ oder nach einem wichtigeren Ereignis; „Betrachtungen darüber.“ So handelte er nach seiner Lebensregel: „Tun und Denken, Denken und Tun“ und ging nicht unter in den Massen, die auf ihn eindrangen.