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Schnellen Erfolgen jagte Goethe nicht nach, auf Anerkennung konnte er warten, und der Menge zu gefallen, war nie sein Bestreben. So hielt er es z. B. bei den ihm unterstellten Sammlungen und Schulen in Weimar, Jena und Eisenach.
Es war keine geringe Aufgabe, mit den doch immerhin sehr beschränkten Mitteln den Anforderungen fortschreitender Ausbildung auch nur einigermaßen Genüge zu tun. Es galt ein sorgsames Abwägen des Notwendigen, wahrhaft Gedeihlichen, ein standhaftes Ablehnen des nur scheinbar Nützlichen, bloß der augenblicklichen Neigung Zusagenden. Goethe ging, wie bei seinen eigenen Kunstsammlungen, von der Maxime aus, lieber aus kleinen Anfängen jedes Institut sich folgerecht entwickeln, allmählich heranwachsen und ausbilden zu lassen, als mit unverhältnismäßiger Anstrengung von vornherein nach dem Imposanten streben, ein Ausgezeichnetes gleichsam improvisieren zu wollen. Nicht um den äußern Schein und Prunk, sondern darum war es ihm zu tun, daß es in jedem Fache nicht an Gelegenheit und zweckmäßiger Anleitung zu stufenweiser Fortbildung fehle, daß in jungen aufstrebenden Männern Sinn und Geschick erweckt und befestigt werde, auf individuell zusagender Bahn frisch und kräftig vorzuschreiten.[32]
Folgerechtes Bemühen
Oft hat er die ‚Folge‘, d. h. die Beständigkeit und Konsequenz im Arbeiten, gerühmt: sie könne auch vom Kleinsten angewendet werden, sie verfehle ihr Ziel selten, da ihre stille Macht im Laufe der Zeit unaufhaltsam wachse; wo man nicht mit Folge wirken könne, sei es geratener, gar nicht anzufangen. Er legte darum großen Wert darauf, daß man ihn als treuen Arbeiter schätze und nicht etwa seiner Genialität zuschreibe, was er durch Fleiß erworben. In seinen alten Tagen wurde er gewahr, daß namentlich im Auslande die Ansicht verbreitet war: er, der Poet, habe sich einen Augenblick von seinem Wege ab- und der Botanik zugewendet und sogleich hochbedeutende Entdeckungen über die Gesetze der Pflanzenbildung gemacht. Um dieser Meinung entgegenzutreten, verfaßte er alsbald einen Aufsatz, in dem er ausführte, wie viele Jahre er Botanik studiert habe, und er betonte, daß es dem wissenschaftlichen Bestreben schädlich sei, wenn man einen falschen Glauben an Geistesblitze von Dilettanten verbreite. „Nicht also durch eine außerordentliche Gabe des Geistes, nicht durch eine momentane Inspiration, noch unvermutet und auf einmal, sondern durch folgerechtes Bemühen bin ich endlich zu einem so erfreulichen Resultate gelangt.“
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Auch in kleinen und äußerlichen Dingen zwang Goethe sich und Andere zum langsamen, sorgfältigen Arbeiten.
Jeder schriftliche Erlaß, das kleinste Einladungsbillett mußte auf das reinlichste und zierlichste geschrieben, gefaltet, besiegelt werden. Alles Unsymmetrische, der geringste Fleck oder falsche Strich war ihm unausstehlich.[33]
Damit die Korrekturen in seinen Manuskripten in der reinlichsten und deutlichsten Weise geschehen konnten, hatte er einen Topf mit Kleister und Pinsel in der Nähe, um an solchen Stellen, wo ihm der Ausdruck nicht mehr gefiel, die Handschrift mit Stückchen neuen Papiers zu überkleben. So berichtet Eckermann, und Carus in Dresden erzählt:
Wirklich erinnere ich mich keiner Sendung von Goethe, so Bücher, kleiner Geldsendungen für Kupferstecher u. dgl., die nicht auf’s zierlichste verpackt gewesen wäre ... Nicht minder hatte ich ja gesehen, wie in seinen Zimmern und Portefeuillen eine strenge, musterhafte, an Pedanterie grenzende Ordnung und Reinlichkeit herrschend war, und fern von aller ostensibler liederlicher sogenannter Genialität, konnte die Ordnung und Zierlichkeit seiner äußern Umgebung ein wohltuendes symbolisches Bild geben von der feinen Ordnung und lichten Schönheit seines inneren geistigen Lebens.[34]