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Beschränkung
Die Solidität und Gewissenhaftigkeit, die wir an Goethes Arbeit immer wieder wahrnehmen, bedeutet sehr oft auch Begrenzung der schönsten Vorsätze, Verkleinerung der Ideale, Verzicht auf manchen genialen Traum.
Vergebens werden ungebundene Geister
Nach der Vollendung reiner Höhe streben.
Wer Großes will, muß sich zusammenraffen;
In der Beschränkung zeigt sich erst der Meister,
Und das Gesetz nur kann uns Freiheit geben.
Wir staunen, wieviel Goethe als Dichter, Gelehrter, Staatsdiener ausgeführt hat; aber es ließe sich leicht beweisen, daß er noch viel mehr Pläne nur ausgedacht und begonnen hat, daß er viele seiner besten Einfälle absterben ließ, um die übernommenen Pflichten getreulich zu erfüllen. Als Dichter hat er uns von groß angelegten Werken mehr Anfänge hinterlassen als fertige Stücke. Als Staatsmann dachte auch er sich große soziale oder wirtschaftliche oder pädagogische Verbesserungen aus; in praxi aber widmete er dann seine Stunden einem Wegebau, einer Uferbefestigung, einer militärischen Aushebung, einer Verbesserung der Universitätsbibliothek oder was sonst zunächst getan werden mußte. So trug er die Last des Tages, statt den großen Reformator zu spielen.
In der ‚Achillëis‘ und im ‚Faust‘ hat er uns gestanden, was ihm als das lockendste oder befriedigendste Menschenwerk erschien: wie der große Quäker William Penn als Kolonisator auf jungfräulichem Boden ein neues Gemeinwesen schaffen, „auf freiem Grund mit freiem Volke stehn!“ Das ist herrlicher, als was der junge Held Achilles vollbrachte, der hingerissen wurde, ehe er zum ruhigen, schaffenden Manne reifte. Denn: