Goethe selber hat uns anmutig erzählt, wie er zu seinen botanischen Studien kam: mit Abendgesprächen nach den Jagden im Thüringer Walde fing es an; der Verkehr mit dem weimarischen Apotheker Dr. Buchholz und die Garten- und Parkanlagen des Herzogs reizten zur Fortsetzung; das Lesen von Linnés und Rousseaus Schriften erregte Widerspruch oder Zustimmung; und so ging es weiter, bis der Dichter eigene große Wahrheiten den gelehrten Botanikern, die ihn mißtrauisch in ihr Fach eindringen sahen, verkünden konnte, und bis keiner von ihnen an seiner ‚Metamorphose der Pflanzen‘ mehr vorübergehen durfte.
**
*
Das Reisen
Er erwähnt in der Geschichte seines botanischen Studiums ein vorzügliches Mittel, die uns so sehr belehrende Aufmerksamkeit zu steigern: das Reisen. Unsere gewöhnliche Umgebung sehen wir fast gar nicht mehr; sie reizt uns wenig zum Nachdenken; die wunderbarsten Dinge erscheinen uns gemein und leer, wenn wir sie täglich haben:
Dagegen finden wir, daß neue Gegenstände in auffallender Mannigfaltigkeit, indem sie den Geist erregen, uns erfahren lassen, daß wir eines reinen Enthusiasmus fähig sind; sie deuten auf ein Höheres, welches zu erlangen uns wohl gegönnt sein dürfte. Dies ist der eigentliche Gewinn der Reisen, und Jeder hat nach seiner Art und Weise genugsamen Vorteil davon. Das Bekannte wird neu durch unerwartete Bezüge und erregt, mit neuen Gegenständen verknüpft, Aufmerksamkeit, Nachdenken und Urteil.
So erging es Goethen in Italien. Schon in den Alpen fiel ihm die Pflanzenwelt mehr auf als daheim, und im botanischen Garten zu Padua sprach eine Fächerpalme deutlicher zu ihm, als die heimische Birke etwa vermocht hätte. Und nun ließ ihn im Süden die Pflanzenwelt nicht wieder los, obwohl er doch nicht ihretwegen gekommen war.
Das Beobachten unterwegs hat Goethe zu einer wahren Kunst ausgebildet. Er schalt wohl zuweilen auf das Reisen, weil es so sehr zerstreue und verwirre, neue Bedürfnisse errege und andere Fragen beantworte, als man stelle; aber er verstand es doch, vielerlei mit nach Haus zu bringen. Er legte sich stets Aktenfaszikel an, in denen er außer seinen eigenen Notizen Zeitungen, Theaterzettel, Preislisten der Märkte, Rechnungen der Gasthöfe und dergleichen zusammentrug. Sein Auge war auf das Sehen des Eigenartigen außerordentlich eingeübt, weil er sich sein ganzes Leben des Zeichnens befleißigte. Er mochte sein Landschaften-Zeichnen, da er es zu hohen Leistungen nicht brachte, wohl als einen bloßen Zeitvertreib entschuldigen, das für ihn Dasselbe sei wie für Andere das Tabakrauchen, aber zu anderen Zeiten rühmte er es als vortreffliches Bildungsmittel. „Es entwickelt und nötigt zur Aufmerksamkeit“, und: „Meine eigenen Versuche im Zeichnen haben mir doch den großen Vorteil gebracht, die Naturgegenstände schärfer aufzufassen; ich kann mir ihre verschiedensten Formen jeden Augenblick mit Bestimmtheit zurückrufen.“ Das half ihm dann auch wieder, die Malereien Anderer richtig zu werten. Er sah es sofort, wenn ein Maler die Natur nicht kannte, wenn er z. B. einen Baum in eine Umgebung brachte, die in der Wirklichkeit zu einem Baume dieser Art und dieses Wachstums nicht vorkommt.
**
*
Reisebeschreiber
Diese Sachlichkeit war Goethes beständiger Vorsatz, und seine Größe als Mensch rührt namentlich von seinem täglichen Bestreben her: alle Dinge und alle Personen ohne Leidenschaft und Vorurteil zu betrachten, sich selbst zu vergessen, alles Neue ruhig auf sich einwirken zu lassen. Das hielt er auch als Reisender so. Seit Sterne seine berühmte ‚Empfindsame Reise‘ herausgegeben hatte, waren alle Reisebeschreibungen in der Hauptsache den Gefühlen, Ansichten und kleinen Erlebnissen der Reisenden gewidmet. Zuweilen artete Das zu recht eitlem Prangen mit dem lieben Ich aus, z. B. bei Kotzebue. Über dessen Berichte aus seinem Leben spottete Goethe einmal scharf: