Goethe schob die Kerbe des Pfeils in die Senne, auch faßte er den Bogen richtig, doch dauerte es ein Weilchen, bis er damit zurecht kam. Nun zielte er nach oben und zog die Senne. Er stand da wie ein Apoll, mit unverwüstlicher innerer Jugend, doch alt an Körper.
Stete Aufmerksamkeit
Schon als Student schaute er auf seinen Wanderungen nicht bloß nach schönen Mädchen und guten Weinen aus, sondern kümmerte sich recht sorgsam z. B. um den Gewerbefleiß an der Saar oder die Altertümer bei Niederbronn. Im Alter schreibt er einmal an seinen August, er treibe in Böhmen seinen alten Spaß noch immer fort: in jeder Mühle nachzufragen, wo sie ihre Mühlsteine hernehmen. In Wiesbaden richtete er seine Spaziergänge gern zu Steinbrüchen und auf Bauplätze; so bekam er nämlich eine schnellere Übersicht über den Grundbau der Gegend, als der Laie vermutet. Und an jedem Orte fragte er nach kundigen Leuten, die ihn belehren konnten. Jena liebte er auch darum, weil er dort so viele kenntnisreiche Männer fand. An die dortigen Professoren dachte er besonders, als er 1818 zum Kanzler v. Müller und zur Julie v. Egloffstein sagte: „Seht, liebe Kinder, was wäre ich denn, wenn ich nicht immer mit klugen Leuten umgegangen wäre und von ihnen gelernt hätte? Nicht aus Büchern, sondern durch lebendigen Ideenaustausch, durch heitere Geselligkeit müßt ihr lernen.“
Er selber lernte freilich auch aus Büchern und will hier im Ernste nichts gegen Bücher sagen; nur zog er eigene Anschauung und mündliches Ausfragen vor. Und da nahm er als Lehrer nicht nur Männer an wie die Humboldts, Schiller, Friedrich August Wolf, Voß, Fichte, Schelling, sondern der schlichteste Bergmann oder Seidenweber oder Hafenarbeiter oder Gärtner war ihm ebenso recht. Und wenn so ein Mann aus dem Volke bescheiden meinte, daß er mit seinen einfältigen Worten den berühmten Herrn nicht aufhalten dürfe, antwortete er: „Erzählen Sie! es gibt nichts Unbedeutendes in der Welt. Es kommt nur auf die Anschauungsweise an.“
Einmal machte er ein halbes Kind zu seinem Lehrer. In Ziegenhain bei Jena zeichnete sich nämlich eine Familie Dietrich durch botanische Kenntnisse aus; sie sammelte Arzneikräuter und besorgte für die botanischen Vorträge in Jena die nötigen Pflanzen. Den jüngsten dieser bäurischen Fachgelehrten nahm Goethe 1785 nach Karlsbad mit; schon unterwegs brachte der Jüngling mit eifrigem Spürsinn alles Blühende zusammen und reichte es Goethen in den Wagen, „dabei nach Art eines Herolds die Linnéischen Bezeichnungen, Geschlecht und Art, mit froher Überzeugung, manchmal wohl mit falscher Betonung“ ausrufend. In Karlsbad war der Knabe schon mit Sonnenaufgang im Gebirge und, ehe Goethe noch seine Becherzahl geleert hatte, war er mit seinem Bündel am Brunnen, und manche Kurgäste nahmen neben dem Dichter an dem seltsamen Unterrichte teil. „Sie sahen ihre Kenntnisse auf das anmutigste angeregt, wenn ein schmucker Landknabe im kurzen Westchen daherlief, große Bündel von Kräutern und Blumen vorweisend, sie alle mit Namen, griechischen, lateinischen, barbarischen Ursprungs, bezeichnend.“ Der junge Mensch studierte später und stand in Goethes alten Tagen den großherzoglichen Gärten in Eisenach mit Ehre vor.
So aufmerksam und lernbegierig war Goethe jeden Tag. Die Wolke am Himmel, das Tier am Wege, die Form des Berges, der Lichtschein durch ein Glas: nichts entging ihm. Er konnte mit einem Freunde über Land fahren und plötzlich halten lassen. „Ei, wo kommst denn du hieher?“ redete er dann wohl einen Stein an, und der nächste Bauer mußte ihm sagen, wo mehr solche Steine zu finden seien. Von einem seiner Kutscher, Barth aus Troistedt, wird berichtet, daß er, angesteckt von der Liebhaberei seines Herrn, von seinem hohen Sitze aus gleichfalls scharf ausblickte und zuweilen, die Pferde anhaltend, in den Wagen rief: „Herr Geheemrat, ich globe, da is was für uns!“
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Manchmal gab es wirklich hübsche Entdeckungen. Als Goethe 1785 nach Karlsbad fuhr, achtete er, wie eben erzählt ist, besonders auf Pflanzen, und da entging ihm im Fichtelgebirge der Sonnentau (Drosera rotundifolia) nicht, und er beobachtete, wie die Blätter ihre Purpurhaare, wenn ein Insekt darauf kommt, zusammenlegen und das Insekt töten. Diese Tatsache war damals zwar bereits beschrieben, 1779 durch Dr. Roth in Bremen, aber doch erst Wenigen bekannt. Erst Darwin hat weitere Kreise darauf aufmerksam gemacht.
Als er 1790 auf den Dünen des Lido, welche die venetianischen Lagunen vom Adriatischen Meere trennen, spazieren ging, hob sein Diener einen geborstenen Schafschädel auf und scherzte, es sei ein Judenschädel, denn an jener Stätte wurden früher die Juden beerdigt. Goethe aber sah sofort etwas Neues, eine Förderung der Wissenschaft. Daß der Schädel der Säugetiere aus Wirbelknochen früherer Tierstufen entstanden sei, wußte er schon; hier an diesem zerschlagenen Schöpsenkopf gewahrte er augenblicklich, daß die Gesichtsknochen gleichfalls aus Wirbeln abzuleiten seien, indem er den Übergang vom ersten Flügelbeine zum Siebbeine und den Muscheln ganz deutlich vor Augen hatte.[35]
Im Sommer 1802 fiel ihm auf, daß in jenem Jahre die Wolfsmilchraupe besonders häufig und kräftig ausgebildet war, und sofort studierte er an vielen Exemplaren ihr Wachstum sowie den Übergang zur Puppe. „Auch hier ward ich mancher trivialen Vorstellungen und Begriffe los“ bemerkt er in seinen Annalen.