XV. Kampf und Glück
Glücklich und unglücklich
„Von mir sagen die Leute, der Fluch Kains läge auf mir,“ schreibt der vierundzwanzigjährige Goethe an seinen Freund Kestner, und ein andermal drückt er Dasselbe in althellenischem Bilde aus, indem er sich zu des Tantalus Geschlecht rechnet. „Goethe ist nicht glücklich und kann schwerlich glücklich werden“ schrieb 1779 seine Freundin Johanna Fahlmer an Fritz Jacobi. „Er ist ein sehr unglücklicher Mensch“ urteilte 1791 der deutsch-dänische Bischof Münter über den zweiundvierzigjährigen Goethe, „muß beständig mit sich selbst in Unfrieden leben.“
Später sagten scharfe Beobachter: Goethe sehe aus wie Einer, der großen Kummer in sich verarbeitet habe. Aber allmählich entstand der Glaube, daß Goethe ein Schoßkind des Glückes gewesen sei: ihm habe das Leben so heiter gelacht wie nur irgend einem Sterblichen.
Den gewöhnlichen Kampf um’s Dasein, der die Meisten von uns zeitlebens beschäftigt, hat Goethe allerdings nicht kämpfen müssen; ernste Sorgen um Einkommen und Auskommen hat er sich nie zu machen brauchen; zu hohem Ansehen und Rang kam er schon in recht jungen Jahren; Freunde und Freundinnen erwarb sich der schöne und begabte Mann ohne viel Mühe. Aber tausend Quellen von Leid und Not fließen auch noch auf solchen Bevorzugten zu, und es muß ein tapferer Schwimmer sein, der ihre Fluten teilen und das Ufer erreichen will, zu dem er strebt.
Auch Goethe hatte tausendfach zu ringen: um körperliche und geistige Gesundheit, um häusliches Wohlbefinden, um ein gutes Verhältnis zu den Menschen, die ihn nah und fern umgaben. Bei seiner großen Weichheit und Empfindlichkeit trafen ihn die Krankheits- und Todesfälle und sonstige Nöte in seiner Freundschaft außerordentlich schwer. Sein ehemaliger Hausgenosse Heinrich Meyer wußte von den sehr starken Ausbrüchen des Schmerzes zu erzählen, denen sich Goethe beim Tode seiner Kinder hingab: daß er sich laut weinend auf der Erde gewälzt habe. Wir wissen, daß Niemand wagte, ihm Schillers Tod zu sagen; ebenso war es, als Ernestine Vulpius, eine Schwester seiner Frau, der Schwindsucht erlegen war. Als ihm dann der einzige übrig gebliebene Sohn auch noch in’s dunkle Land vorausging, seufzte der Greis: „Es scheint, als wenn das Schicksal die Überzeugung habe, man sei nicht aus Nerven, Venen, Arterien und anderen daher abgeleiteten Organen, sondern aus Draht zusammengeflochten.“ So empfand er also das allgemeine menschliche Schicksal tief. Welche besonderen Leiden aber der geniale, nach höchsten Erkenntnissen strebende Forscher trägt, hat uns Goethe im ‚Faust‘ offenbart; an eben solche Leiden dachte der genannte Bischof Münter, als er von Goethes Unglück sprach: „Alles arbeitet in seinem Kopf und drängt ihn zur Tätigkeit, und doch will er sein Amt nicht abwarten ... Hat Botanik, Anatomie, Kunst studiert, Alles wieder liegen lassen und arbeitet nun über die Theorie der Farben.“ Und Schopenhauer belehrt uns:
Die bloßen Talentmänner kommen stets zur rechten Zeit; denn, wie sie vom Geiste ihrer Zeit angeregt und von dem Bedürfnis derselben hervorgerufen werden, so sind sie auch gerade nur fähig, Diesem zu genügen. Sie greifen daher ein in den fortschreitenden Bildungsgang ihrer Zeitgenossen oder in die schrittweise Förderung einer speziellen Wissenschaft; dafür wird ihnen Lohn und Beifall.
Das Genie hingegen trifft in seine Zeit wie ein Komet in die Planetenbahnen, deren wohlgeregelter und übersehbarer Ordnung sein völlig exzentrischer Lauf fremd ist. Demnach kann es nicht eingreifen in den vorgefundenen regelmäßigen Bildungsgang der Zeit, sondern wirft seine Werke weit hinaus in die vorliegende Bahn, auf welcher die Zeit solche erst einzuholen hat. Daher steht das Genie in seinem Treiben und Leisten meistens mit seiner Zeit im Widerspruch und Kampf.
Aus innerster Seele hat Goethe diesen Kampf und diese Einsamkeit des genialen oder auch nur des eigenartigen Menschen in seinen Dichtungen manches Mal dargestellt. Was hat nicht Tasso zu tragen, weil sich die Welt in ihm anders spiegelt als in regelrechten Hofleuten und fürstlichen Personen! Die Kühnsten der goethischen Helden ballen in ihrer Verzweiflung sogar gegen den Himmel die Faust. „Ich dich ehren? Wofür? Hast du die Schmerzen gelindert je des Beladenen? Hast du die Tränen gestillet je des Geängsteten?“ So ruft Prometheus, und nicht weniger bitter ist das Mitleid, mit dem Mephistopheles die Jubelhymnen der Erzengel in seiner Weise abschließt: „Von Stern und Welten weiß ich nichts zu sagen; ich sehe nur, wie sich die Menschen plagen ... Die Menschen dauern mich in ihren Jammertagen!“ Werther erschießt sich, Faust führt die Giftschale an den Mund, und ihr Dichter bekennt: