Daß die Symptome dieser wunderlichen, so natürlichen als unnatürlichen Krankheit [des Lebensekels] auch einmal mein Innerstes durchrast haben, daran läßt ‚Werther‘ wohl Niemand zweifeln. Ich weiß recht gut, was es mich für Entschlüsse und Anstrengungen kostete, damals den Wellen des Todes zu entkommen, sowie ich mich aus manchem spätern Schiffbruch auch mühsam rettete und mühselig erholte.
So schrieb er 1812, als sich Zelters Stiefsohn das Leben genommen hatte, und vier Jahre später, als er den ‚Werther‘ selber wieder gelesen:
Da begreift man denn nun nicht, wie es ein Mensch noch vierzig Jahre in einer Welt hat aushalten können, die ihm in früher Jugend schon so absurd vorkam.
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Schicksal des Eigenartigen
So wenig wertvoll also erschien auch diesem Bevorzugten das Leben. Das Verbleiben darin konnte er nur durch einen geheimnisvollen Lebensdrang erklären, der unser Sonderwesen erst völlig ausgebildet und danach völlig verbraucht sehen will, ehe er die Auflösung des Leibes, seines Werkzeuges, zuläßt.
Ein Teil des Rätsels löst sich dadurch, daß Jeder etwas Eigenes in sich hat, das er auszubilden gedenkt, indem er es immerfort wirken läßt. Dieses wunderliche Wesen hat uns nun tagtäglich zum besten, und so wird man alt, ohne daß man weiß: wie und warum. Beseh’ ich es recht genau, so ist es ganz allein das Talent, das in mir steckt, was mir durch alle die Zustände durchhilft, die mir nicht gemäß sind und in die ich mich durch falsche Richtung, Zufall und Verschränkung verwickelt sehe.
Daß Goethe stets bemüht war, sein Inneres vor fremden Anforderungen nach Möglichkeit zu beschützen oder davon wieder freizumachen, und wie ernst und treu er sich um die höchste Ausbildung seiner Persönlichkeit bemühte, haben wir in manchen Einzelheiten gesehen; einen deutlichsten Ausdruck fand dies Bestreben um die Mitte seines Lebens durch die Flucht nach Italien. Alles Befreien unserer Persönlichkeit, alle Entfaltung unserer besonderen Kräfte, alles Offenbaren unserer Begabung durch Taten oder Werke, alles Herausstellen von Leistungen, die unser Gepräge haben, stimmt uns nun aber glücklich.
Volk und Knecht und Überwinder,
Sie gestehen jederzeit: